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Full text of "Palaeographia latina"

ST. ANDREWS UNIVERSITY 
PUBLICATIONS, XXVIII 



PALAEOGRAPHIA LATINA 



PART VI. 



E D I X E D BY 

Professor W. M. LINDSAY 




Published for St. Andrews University by 

HUMPHREY MILFORD 

OXFORD UNIVERSITY PRESS 

London, Edinburgh, Glasgow, Copenhagen, New York, 

Toronto, Melbourne, Cape Town, Bombay, Calcutta, Madras, 

Shanghai 

1929 



PRINTED IN ITALY 



Roma, Scuola Tipografica Pio X, Via degli Etruschi, 7-9 



CONTENTS OF PART VI 



Die Sankt Galler Schreibschule in der 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts, 

von K. Löffler. 
Encore l'Abréviation de haeret, par D. de Bruyne. 



PLATES 



I. St. Gall 126, p. 244, 
II. St. Gall 109, p. 11. 

III. St. Gall 11, p. 57. 

IV. St. Gall 120, p. 96. 
V. St. Gall 225, p. 123. 

VI. St. Gall 348, p. 28. 

VII. St. Gall 227, p. 161. 

VIII. St. Gall 907, p. 218. 

IX. St. Gall 11, p. 441. 

X. St. Gall 238, p. 181. 



DIE SANKT GALLER SCHREIBSCHULE 
IN DER 2. HAELFTE DES 8. JAHRHUNDERTS. 

VON KARL LÖFFLER. 



In seinem Buch « Histoire de la Vulgate pendant les pre- 
miers siècles du moyen âge » singt Samuel Berger das Lob 
der St. Galler Bibliothek als einer reichen Sammlung, die 
niemals ihre Stelle verliess, deren Verzeichnisse ins 9. Jahr- 
hundert zurückreichen, u. die begleitet werde von Archivur- 
kunden, besonders wertvoll, weil ihre Schreiber auch in den 
Handscriften wieder begegnen. So wird die Bibliothek als eine 
fast unerschöpfliche Fundgrube für Philologen u. Palaeogra- 
phen, Historiker u. Liturgiker gerühmt, einzigartig unter allen 
Klöstern des Frankenreiches. Und neuestens noch hat Paul 
Lehmann, in unserer Zeit wohl der beste Kenner der Hand- 
schriftensammlungen Deutschlands, es ausgesprochen, dass die 
Geschichte der ältesten St. Galler Schreibschulen verhältnis- 
mässig leicht wäre, da der Stoff in reicher Fülle zusammen 
liege. 

Aber bei näherem Zusehen ist die Sache doch nicht so 
einfach u. bequem, als es auf den ersten Blick scheinen könnte. 
Zunächst ist die Vorstellung, dass die Bibliothek nie ihren Platz 
verlassen, also unversehrt noch am alten Fleck stehe, nicht 
ganz richtig. Abgesehen von Verlusten, wie sie Brände brachten, 
die in allen Bibliotheksgeschichten vorkommen, von Verschlep- 
pungen, wie sie z. B. aus der Zeit des Konstanzer Konzils be- 
richtet werden, von Verlusten, wie sie der Unverstand früherer 
Zeiten verursachte, der alte Manuscripte als Einbandstoff be- 
nützte, also abgesehen von solchen verloren gegangenen Ein- 
zelstücken ist auch die Sammlung schon ganz, bezw. zum 
grössten Teil aus dem Kloster verschwunden gewesen. Die 



6 K. Löffler 

Bücherei musste im Ungar neinfall des 9. Jahrhunderts u. später 
nochmals in der französischen Revolution geflüchtet werden, 
kam aber allerdings beidemal bald wieder an die alte Stelle zu- 
rück. Bedeutsamer war, dass im Toggenburger Krieg 1712 von 
den Zürichern u. Bernern grosse Teile der Bestände weggeführt 
wurden. Wohl ist auch nach diesem gefährlichen Zwischenspiel 
die Sammlung in der Hauptsache wieder zurückgebracht wor- 
den; aber dass es nicht ganz lückenlos geschah, beweisen 
Codices, die heute noch in Zürich oder Bern zu finden wären. 
Ebenso sind einzelne St. Galler Handschriften in anderen Bi- 
bliotheken Europas Zeugen dafür, dass doch manches sich aus 
der alten Heimat verloren hat. 

Immerhin bleibt die Tatsache bestehen, dass der Bibliothek 
von St. Gallen im Vergleich mit vielen andern ein günstiges 
Geschick beschert gewesen ist, u. dass in dieser berühmten 
Stätte der Kultur, die auch dem Alter nach besonders ehrwür- 
dig ist, eine reiche Sammlung von Bücherschätzen geborgen 
ist, die weit in alte Zeiten zurückgehen. Da darunter eine be- 
trächtliche Zahl von Handschriften steckt, die aus vorkarolin- 
gischer Zeit stammen, scheint allerdings eine sehr günstige 
Grundlage gegeben für die Beantwortung der Frage, welche 
Schrift in der Schreibstube des Klosters geschrieben wurde 
zu der Zeit, als die grosse Entwicklung einsetzte, die dann 
schliesslich zu der karolingischen Minuskel geführt hat. 

Aber hier erhebt sich gleich eine Schwierigkeit. Welches 
sind die Bücher in St. Gallen, die dafür als Zeugen aufgerufen 
werden können? Daraus, dass heute eine Handschrift des 
8. Jahrhunderts sich in der Klosterbibliothek befindet, folgt 
noch lange nicht, dass sie um das Jahr 800 schon dort gewesen 
ist, u. noch weniger, dass sie dort geschrieben wurde. Es gälte 
also aus den alten Beständen diejenigen Stücke herauszufinden, 
die als bodenständige Erzeugnisse einer St. Galler Schreibstube 
anzusehen sind. Auf diesem Gebiet ist jedoch Vieles strittig. 
Zwar scheint für die Aufgabe ein wertvolles Hilfsmittel vor- 
zuliegen. Wir haben in Handschriften des Klosters (Cod. 728, 
daraus eine alte Abschrift in Cod. 267) einen Katalog, der 
mit seinem Grundstock aus der 2. Hälfte des 9. Jahrhun- 
derts stammt ('). Damit sind wir der Zeit, die für die 

( £ ) Mittelalterliche Bibliothekskataloge, Deutschland u. Schweiz, Bd. 1, 
Die Bistümer Konstanz u. Chur, bearbeitet von P. Lehmann, 1918, S. 71 ff. 



Die Sankt Galler Schreibschule 7 

geplante Untersuchung ins Auge gefasst ist u. die wir etwa 
mit 800 schliessen wollen, schon ziemlich nahe gerückt. Freilich 
können in dem Zeitraum von 800 bis zur Entstehung des Ka- 
talogs, ein Zeitraum, in dem gerade auch die Blütezeit der 
St. Galler Bibliothek beginnt, noch viele Handschriften aus 
dem 8. Jahrhundert erst eingegangen sein, so dass also die 
Aufführung im Katalog nichts für ihre frühere Geschichte be- 
weisen würde. Andererseits macht es stutzig, dass Handscriften 
von St. Galler Schreibern aus der 2. Hälfte des 8. Jahrhun- 
derts, bei denen mehr als bei andern die Wahrscheinlichkeit, 
ja Sicherheit vorliegt, dass sie im Kloster geschrieben sind, 
sich im alten Katalog nicht finden; wobei allerdings zu be- 
rücksichtigen ist, dass manche Angaben in diesem Katalog, 
so genau u. sorgfältig er auch für seine Zeit ausgearbeitet ist, 
doch für die Identifikation des einen oder andern Stückes nicht 
ausreichen mögen. Immerhin bietet der Katalog ein wertvolles 
Hilfsmittel für die Beantwortung der Frage, ob eine Hand- 
schrift wahrscheinlicherweise als alter Besitz des Klosters u. 
als Erzeugnis seiner Schreibschule angesehen werden kann, 
u. ist natürlich bei jedem einzelnen Stück zu Rate zu ziehen. 

Nach den Geschichtsberichten bezw. nach der Über- 
lieferung des Klosters wäre die Zahl der Bücher der Bibliothek 
in den frühesten Zeiten gering gewesen. Erst unter Abt Goz- 
bert (816-836), mit dem das Kloster nach langen Kämpfen 
gegen kirchliche u. weltliche Gewalt seine Selbständigkeit er- 
langte, wird, wie schon angedeutet, der Beginn der Blütezeit 
der Bibliothek angesetzt. Für die frühere Zeit berichtet Rat- 
pertus in seinen Casus S. Galli (Monumenta Germaniae historica, 
Scriptores, T. II, p. 66, Z. 40) ausdrücklich von der maxima 
penuria librorum, u. bis zum Schluss der Regierung von Karl 
d. Gr. sagt der Monachus Sangallensis von der cellula S. Galli 
überhaupt, sie sei cunctis locis imperii latissimi pauperior visu 
et angustior (ibid., p. 756, Z. 7). Die eben erwähnten Kämpfe 
um die Selbständigkeit haben wohl vorher das schriftstelle- 
rische Leben im Kloster nicht recht aufkommen lassen, da 
dafür erst ein gewisser Wohlstand u. eine gewisse Macht als 
Grundlage geschaffen werden musste. 

Um einen Anhaltspunkt für ein Bild von den Verhältnissen 
im Kloster u. von den Kräften in seinem geistigen Leben zu 



8 K. Löffler 

bekommen, sei ein kurzer Blick auf die ältere Geschichte der 
Gründung des heiligen Gallus geworfen. 

Im 1. Viertel des 7. Jahrhunderts war der fromme Ire Gallus 
als einer der Gefährten von Columban in das Bodenseegebiet 
gekommen. Er begleitete den Columban bei dessen späterem 
Weiterwandern nach Italien nicht, sondern gründete in der 
Nähe des südlichen Seeufers im Tale der Steinach mitten in 
einem wilden Waldgebiet eine Einsiedlerzelle, wobei sich ihm 
Alamannen als Gefährten anschlössen. Gallus kam bald in den 
Geruch eines Heiligen, u. so sind nach u. nach der kleinen 
Mönchsgenossenschaft, die nach der Regel Columbans lebte, 
fromme Stiftungen zugeflossen, was ihr eine gewisse wirtschaft- 
liche Grundlage gab. Auch sind wohl weiterhin manche von 
den sogenannten Schottenmönchen, die der Wanderdrang 
durch den Kontinent trieb, auf ihrem Weg durch die Stätte 
ihres berühmten Landsmannes gekommen u. der eine u. an- 
dere auch dort geblieben, was durch verschiedentliche Namen 
u. ebenso durch die Bestände der Bibliothek bezeugt wird. 
Doch sind weder von grösserer Tätigkeit noch von grösserer 
Bedeutung der Galluszelle im 7. Jahrhundert heute noch Spuren 
zu finden. Erst etwa 100 Jahre nach der Gründung durch Gallus 
wurde von einem Grafen der Gegend ein Otmar, Alamanne 
von Geburt, aber im rätischen Gebiet erzogen u. dort Priester 
geworden, zum Vorstand der Brüderschaft eingesetzt, der zum 
eigentlichen Begründer der Grösse des Klosters geworden ist. 
Er hat Besitz u. Macht von St. Gallen stark erweitert u seit 
seiner Zeit gilt im Kloster die Regel des heiligen Benedikt. 
Das unter diesem Abt mächtig aufstrebende St. Gallen er- 
weckte den Widerstand der alten Mächte kirchlicher u. 
weltlicher Art. Der Bischof von Konstanz u. der Graf des 
Gaues suchten die Absei niederzuhalten u. in dem darüber 
entstandenen Kampf ist Otmar unterlegen u. 759 gestorben. 
Nach seinem Tod wurde vom Konstanzer Bischof Sidonius ein 
Abt Johannes eingesetzt, der dann 760 dazu auch noch den 
Bischofsitz selbst erhielt u. die Verwaltung von St. Gallen zwei 
Administratoren übertrug. Nach dem Tod des Bischofs Jo 
hannes im Jahr 782 wollte das Kloster wieder seine Selbstän- 
digkeit gewinnen, indem die alte Partei einen aus ihrer Mitte, 
Waldo, zum Abt erhob. Jedoch der neue Bischof Egino setzte 
ihn ab u. brachte einen Priester Werdo an seine Stelle. Eginos 



Die Sankt Galler Schreibschule 9 

Nachfolger, Bischof Wolfleoz, suchte die Abtswürde wiede 
an sich zu reissen, aber 816 sicherte Ludwig der Fromme 
St. Gallen freie Abtswahl u. machte es zwei Jahre später zum 
kaiserlichen Kloster, womit der Kampf gegen Konstanz zu 
Gunsten von St. Gallen entschieden wurde, nachdem dieses 
Ziel von Reichenau, das den gleichen Kampf zu führen gehabt 
hatte, schon unter Karl dem Grossen erreicht worden war. 

Wir dürfen also benediktinisches Geistesleben auf der 
Grundlage eines gewissen Wohlstandes erst etwa von der 
Mitte des 8. Jahrhunderts an erwarten. Als Insassen des Klo- 
sters werden wir vorwiegend Alamannen anzunehmen haben, 
was die Namen der Nekrologe u. des Verbrüderungsbuchs 
bestätigen ; auch der zweite Gründer war Alamanne, hatte aber 
seine eigentliche Bildung im rätischen Gebiet geholt, woher 
auch andere Klosterbrüder stammten, wie urkundlich bewiesen 
ist. Neben diesen zwei Elementen, einem germanischen u. einem 
romanischen, hat schon von der Gründungszeit her sicher über 
dem Ganzen eine insulare Tradition geschwebt. 

Wie weit stimmt nun mit diesem Bild der tatsächliche 
Befund, den die ältesten Bestände der Klosterbibliothek er- 
geben, überein, u. was lässt sich aus ihnen für die Beantwor- 
tung der Frage entnehmen, welche Schrift im Kloster in diesen 
ältesten Zeiten geschrieben worden sei u. auf welche Quellen 
ihre Ziige weisen? 

Wenn es gleich ganz unverkennbar u. im Grunde auch 
selbstverständlich ist, dass die Zahl der Handscriften des 9. 
Jahrhunderts, in dem ja auch die erste Blütezeit des geistigen 
Lebens im Kloster liegt, ganz gewaltig die aus der vorange- 
henden Zeit übersteigt, so ist doch die Anzahl der Hand- 
schriften aus der Zeit vor 800 recht beachtenswert u. eigentlich 
im Widerspruch mit der berichteten « penuria librorum », so 
dass man fast geneigt sein könnte, auzunehmen, es seien die 
meisten erst später in die Sammlung gekommen. Immerhin 
ist die Zahl der Codices, bei denen ein urkundlicher Beweis 
oder die grösste Wahrscheinlichkeit dafür spricht, dass sie von 
Anfang an im Kloster waren u. auch dort geschrieben wurden, 
noch gross genug, um eine Grundlage zu bilden, von der aus 
auch andere mit mehr oder weniger Sicherheit seiner Schreib- 
schule zugewiesen worden können, u. vor allen, um die Frage 
beantworten zu können, welche Schrift als bodenständig im 



IO K. Löffler 

Kloster St. Gallen des 8. Jahrhunderts geschrieben worden ist. 
Dass den Klosterbrüdern die Kunst des Schreibens geläufig 
war, was ja auch ihre Regel vorschrieb, beweist schon die 
beachtliche Anzahl von Mönchen des Klosters, die als Urkun- 
denschreiber aus jener Zeit auftreten u. so Beweisstücke lie- 
ferten, die für zeitliche u. örtliche Festlegung gewöhnlich viel 
sicherere Handhaben bieten, als es Handschriften selbst tun. 

An diesen Schriftdenkmälern wird zu untersuchen sein, 
ob die insulare Tradition ihre Spur in der Schreibschule hin- 
terlassen hat, was wohl von Anfang an anzunehmen ist, wei- 
terhin ob das Kloster eine besondere Eigenart in seiner Schrift 
ausgeprägt u. ob dazu bestimmte Persönlichkeiten beigetragen 
haben, u. endlich, wohin die Linien weisen, die zu den Quellen 
u. Vorbildern dieser Schrift rückwärts weiterlaufen. 

Daraufhin wollen wir im folgenden die Handschriften der 
Klosterbibliothek, deren Entstehung in die Zeit vor 800 zu 
legen ist, kurz vorüberziehen lassen zum Zweck des Versuches, 
aus ihnen die bodenständige Schrift des Klosters zu entnehmen. 
Es wären also von Anfang an jedenfalls die Codices ausser 
Acht zu lassen, für die eine Entstehung im Kloster nicht in 
Frage kommt, sei es nach der Zeit ihres Entstehens, sei es nach 
der Schriftform, so z. B. die alten Unzialhandschriften; dagegen 
wären andere, die möglicherweise dort geschrieben sein 
könnten, wenigstens mit ins Auge zu fassen. Da es sich we- 
niger um Einzelforschung für bestimmte Texte handelt, son- 
dern um den Nachweis des Grundgepräges der St. Galler 
Minuskel, dürfte der Stoff genügen, u. es können die wenigen 
aus St. Gallen verlorenen Stücke ausser Betracht bleiben. Auch 
die Möglichkeit, die ins Auge zu fassen ist, dass die eine oder 
andere Handschrift, die hier als Erzeugniss der St. Galler 
Schreibschule angesehen wird, vielleicht einmal als fremder 
Zuwachts sich herausstellt, möchte keine zu grosse Bedeutung 
haben, da für das Bild die einzelne Handschrift nicht ausschlag- 
gebend sein soll. 

Es sind der Untersuchung (*) folgende Handschriften zu 
Grunde gelegt worden: 

( l ) Sie wurde durchgeführt während eines längeren Aufenthalts in St. Gal- 
len, gefördert durch die unermüdliche Hilfsbereitschaft des Herrn Vorstands 
der dortigen Stiftsbibliothek, Prälat Dr. Fäh. Der Aufenthalt in St. Gallen 



Die Sankt Galler Schreibschule 11 



Codex 2 = 


unten 


N 


. 12 u. 36 


» 


11 = 


> 


» 


11 u. 39 


> 


40 = 


» 


» 


19 


» 


44 = 


» 


» 


13 


> 


51 = 


» 


» 


1 


» 


60 = 


» 


» 


2 


•» 


70 = 


» 


» 


37 


•» 


108 = 


» 


» 


32 


» 


109 = 


» 


» 


10 u. 38 


i 


120 = 


» 


» 


14 


» 


125 = 


» 


» 


9 


» 


126 = 


> 


» 


8 


» 


185 = 


» 


» 


18 


> 


189 = 


» 


> 


34 


» 


193 = 


» 


> 


25 


» 


194 = 


» 


» 


25 Anm. 


» 


213 = 


» 


» 


33 


» 


214 = 


• 


» 


31 Anm. 


» 


225 = 


» 


» 


21 


» 


227 = 


» 


» 


31 


» 


228 = 


» 


» 


15 


» 


230 = 


» 


» 


16 


» 


238 = 


» 


» 


40 


» 


242 = 


• 


» 


31 


» 


249 = 


» 


» 


20 


» 


348 = 


•» 


2> 


22 


» 


350 = 


> 


» 


23 


» 


451 = 


» 


» 


3 


» 


567 = 


» 


» 


26 


» 


722 = 


» 


» 


24 


» 


731 = 


3> 


» 


27 


» 


759 = 


» 


» 


4 


» 


761 = 


> 


> 


4 


» 


876 = 


» 


» 


17 


» 


904 = 


» 


» 


5 


m 


907 = 


> 


» 


35 • 



wurde ermöglicht durch die Unterstützung der Notgemeinschaft der Deut- 
schen Wissenschaft, wofür auch hier ergebensten Dank auszudrücken an- 
genehme Pflicht ist. 



12 K. Löffler 

Codex 911 = unten N. 30 
» 913= » »6 
» 914= > . 28 
» 916= » . 29 
, 1394= » > 7 
» 1395= » ». 7 

St. Gallen ist irische Gründung u. dieser Ursprung wird 
nicht blos in der Überlieferung des Klosters, sondern auch in 
seinen Werken sich geltend machen. Auch ist nachgewiesen, 
dass mit anderen Columbanklöstern (Luxeuil u. Bobbio) Ver- 
bindung gehalten, wurde. Wahrscheinlich ist es ferner, dass 
Gallus die für den gottesdienstlichen Gebrauch notwendigsten 
Bücher schon mitgebracht hatte. Weiterhin schrieb auch die 
Columbanregel Lesen u. Schreiben als Aufgaben vor. Es ist 
also nicht verwunderlich, dass der alte Katalog noch 32 libri 
scottice scripti enthält, von denen allerdings nur noch wenige 
Stücke oder Überreste zu finden sind. Seit Otmars Zeiten ist 
das irische Element mehr in den Hintergrund gedrängt wor- 
den, wie die Namen der Mönchen des Klosters andeuten. Dass 
auch schon vorher Alamannen im Kloster waren, ist nachge- 
wiesen; aber wohl nicht in stärkerer Zahl, weil schon die 
grosse Strenge der Regula Columbani wenig nach ihrem 
Geschmack gewesen sein wird. Andererseits zogen auch nach- 
her noch dann u. wann Iren im Kloster ein, schon aus Vereh- 
rung für ihren heiligen Landsmann ; doch kamen sie gegen das 
einheimische Element nicht mehr auf. Eine stärkere zweite u. 
dritte irische Welle erschien im 9. u. 12. Jahrhundert in 
St. Gallen ; aber also in einer Zeit, die hinter unserem Ab- 
schnitt liegt. Dafür war im 8. Jahrhundert eine zweite Schicht 
von Fremdlingen aus Grossbritannien eingetroffen u. hatte im 
Kloster Spuren hinterlassen; diesmal waren es aber nicht Iren, 
sondern Angelsachsen, in Auswirkung der Bewegung, in deren 
Mittelpunkt Bonifatius steht. J. M. Clark, der sich zuletzt u. 
am eingehendsten mit den verschiedenen Kulturkräften von 
St. Gallen befasst hat ( £ ), scheint nicht abgeneigt zu sein, 
in der Person, die im letzten Drittel des 8. Jahrhunderts eine 
wichtige Rolle im Kloster spielte u. uns ausdrücklich als Schön- 

(*) The Abbey of St. Gall as a centre of literature and art, Cam- 
bridge 1926. 



Die Sankt Galler Schreibsclmle 13 

Schreiber genannt ist, in Waldo, einen Mann zu sehen, der von 
dem Brennpunkt der angelsächsischen Mission in Deutschland, 
von Fulda, gekommen wäre. Doch muss auch Clark betonen, 
dass die Namen der Klosterbrüder wenig sicheren Anhalt für 
Angelsachsen geben, u. ebenso dass, wenn unter dem insularen 
Schrifttum der Bibliothek zwischen irischem u. angelsächsischem 
Gut geschieden wird, das letztere stark in der Minderheit sei. 
Übrigens darf nicht vergessen werden, dass nachweisbar irische 
Mönche in St. Gallen auch kontinentale Schrift geschrieben 
haben, so z. B. Moengal karolingische Minuskel. Zum Schluss 
sei darauf hingewiesen, dass überhaupt nach den neuesten For- 
schungen (vergi. Clark) die Bedeutung des irischen Elements 
in St. Gallen geringer anzuschlagen wäre, als es seither geschah; 
die Iren waren eine Minderheit, die von der Mehrheit aufge- 
saugt oder angeglichen wurde. Ganz unzweifelhaft gilt dies für 
die Zeit der eigentlichen Blüte des Geisteslebens in St. Gallen, 
für die 2 Hälfte des 9. u. den 1. Teil des 10. Jahrhunderts. 
Aber auch schon früher wird das eigentlich irische Element 
nicht ausschlaggebend gewesen sein. Jedenfalls kam für die 
Bildung einer bodenständigen Schrift in der Schreibschule des 
Klosters die insulare Schrift kaum in Frage ; sie wird sich höch- 
stens in einzelnen Einwirkungen finden lassen. Aber für unsere 
Untersuchung muss auch die Reihe derjenigen Handschriften 
mit insularer Schrift, von denen seither für gewöhnlich an- 
genommen wird, das sie vor dem 9. Jahrhundert entstanden 
sind, einer kurzen Durchsicht unterworfen werden. 

1. In dieser Gruppe ist das bekannteste Stück das Evan- 
gelistar, Codex 51, weltberühmt hauptsächlich durch seine 
künstlerische Ansstattung, wonach es als bedeutendstes Denk- 
mal der alten irischen Buchkunst neben dem Book of Keils 
genannt wird, diesem allerdings erst in einigem Abstand fol- 
gend. Die Handscrift, viel behandelt in der Literatur, zuletzt 
von Clark (a. a. O. S. 126 u. 298), ist nach Schrift u. Bildern 
so reichlich schon der Öffentlichkeit vorgeführt worden, dass 
hier keine weitere Probe nötig ist; für Schrift siehe haupt- 
sächlich Steffens, Lateinische Palaeographie, Tf. 42 a ('), u. 
Chroust, Monumenta palaeografica, I, 17, 5, ausserdem, u. vor- 



( l ) Meist hier nach der 1. Auflage angegeben, da die spätere nicht zur 
Hand war. 



14 K. Löffler 

nehmlich für Bilder u. Initialen, Mitteilungen der Antiquari- 
schen Gesellschaft in Zürich, Bd. 7, 1853, nach S. 97 (F. Keller) 
u. besonders Zimmermann, Vorkarolingische Miniaturen, Tf. 
185-192. Der Codex mit seiner etwas entarteten irischen Halb- 
unziale, jedenfalls von einem Iren geschrieben, wird von der 
Palaeographie u. Kunstgeschichte meist in die 2. Hälfte des 
8. Jahrhunderts gewiesen, würde also unserem Zeitabschnitt 
zugehören; zugleich wird aber die Frage der Entstehung in 
St. Gallen ziemlich allgemein verneint. Die Handschrift ist 
nicht unter den libri scottice scripti aufgeführt. Scherrer sagt 
in seinem ausgezeichneten « Verzeichnis der Handschriften der 
Stiftsbibliothek von St. Gallen », sie müsse erst im 10. Jahr- 
hundert nach St. Gallen gekommen sein. Dass sie damals je- 
denfalls dort war, wird durch den Eintrag « Liber sancti Galli » 
auf S. 1 von einer Hand des 10. Jahrhunderts bezeugt. Waagen 
lässt sie im Deutschen Kunstblatt 1850 im Jahr 967 nach dem 
Kloster gekommen sein, ohne einen Grund für seine Annahme 
zu geben. Doch dürfte weder über Alter noch über Herkunft 
der Handschrift schon das letzte Wort gesprochen sein. Dass 
sie wohl von einem Iren, aber nicht in Irland geschrieben 
worden ist, wird immer wieder durch ihren Schluss nahegelegt, 
wo die letzten Zeilen der [ohannes-Perikopen nicht in insularer, 
sondern in karolingischer Minuskel geschrieben sind, u. zwar 
gerade in einer Ausprägung, wie sie in St. Gallen zur Zeit 
von Grimait u. Hartmut zu finden ist. Dass diese Schlusszeilen 
vergessen u. erst später angefügt worden wären, ist gerade 
bei Johannes, der bei den Iren besondere Verehrung genoss, 
so gut wie ausgeschlossen ( £ ). Auf kontinentale Entstehung 
scheinen auch Eigenheiten der irischen Hand des Haupttextes 
selbst hinzuweisen, so unter den Ligaturen die von st, die in 
irischen Handschriften nicht üblich ist, dann die Kürzung usi 
(vestri), die, an sich in Spanien zu Hause, mehrfach in Schweizer 

(*) Prof. Lindsay, der m. E. mit vollen Recht gerade auf diesen Gesichts- 
punkt hingewiesen hat, stellte in brieflicher Mitteilung die sehr ansprechende 
Vermutung auf, dass der Schreiber des Evangelistars für die Schlussschrift, 
die man gern durch andere Buchstaben sich abheben Hess, die karolingische 
Minuskel wählte, die ihm wohl bekannt, aber nicht ganz geläufig war u. die 
er jedenfalls als etwas Besonderes ansah. Auch Prof. Lehmann schliesst sich 
vom palaeographischen Standpunkt aus der Auflassung von der Gleichzeitigkeit 
der Schlussschrift mit dem Haupttext an. 



Die Sankt Galler Schreibschule 15 

Handschriften vorkommt; allerdings hat unser Codex daneben 
immer nï (für nostri), was wieder für einen späten Zeitansatz 
Schwierigkeiten machen könnte. Auch die Ausstattung selbst 
mag gegen irischen Ursprung gedeutet werden, insofern bei 
den vielen durch Farbfüllung hervorgehobenen kleinen Initialen 
die roten Punkte fehlen, von denen irische Initialen umsäumt 
zu werden pflegen. Wäre so St. Gallen nicht ohne weiteres 
ausgeschlossen als Ursprungsort der Handschrift — das Fehlen 
im Katalog könnte damit erklärt verden, dass sie nicht in der 
Bibliothek, sondern im Klosterschatz aufbewahrt wurde — , so 
müsste nach oben Gesagtem ihre Zeit etwa 100 Jahre später 
angesetzt werden, als es gewöhnlich geschieht. Mit dieser spä- 
teren Datierung fiele aber der Codex ausserhalb unseres 
Rahmens. 

2. Etwas günstiger für die Frage der Entstehung im Klo- 
ster wäre die Lage bei dem 2. der irischen Stücke, das auch 
durch die Kunstgeschichte bekannt geworden ist, demjohannes- 
Evangelium, Cod. 60. Auf diese Handschrift würde zutreffen die 
unter den libri scottice scripti aufgeführte Nummer « Evange- 
lium secundum Johannem in volumine 1 » . Die Buchmalerei des 
Codex steht zwar durchaus nicht mehr auf der Höhe der vo- 
rangehenden Handscrift, aber dafür besitzt das Buch einen 
weiteren Kunstwert in seinen Deckeln mit ihren feinen Elfen- 
beinschnitzereien. Auch von dieser Handschrift, die ebenfalls 
insulare Halbunziale, aber etwas anderer Art als die letzte 
zeigt, sind Proben der Schrift u. Ausstattung schon vorgelegt : 
Steffen Tf. 42 b, Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft 
in Zürich, 7, 1853, Tf. 8, u. Zimmermann, Tf. 192 b u. 193. 

Neuerdings wird dieses Stück ebenfalls von der Kunst- 
geschichte in die 1. Hälfte des 9. Jahrhunderts gesetzt (Zim- 
mermann S. 108) u. fiele also auch nicht in unseren Zeit- 
abschnitt. 

3. Wieder nicht im alten Katalog unter den libri scottice 
scripti aufgeführt ist das durch seine Schrift interessante Mar- 
tyrologium von Beda, Cod. 451. Seine Schriftformen liegen auf 
der Linie der Entwicklung von der insularen Halbunziale, wie 
sie die zwei letzten Handschriften zeigen, zur insularen Mi- 
nuskel. Auch diese Handschrift dürfte eher dem 9. als dem 
8. Jahrhundert zugehören. Sie ist der Schriftform nach von 
einer insularen Hand geschrieben, wobei man zwischen einem 



16 K. Löffler 

irischen oder einem angelsächsischen Schreiber schwankt Für 
letzteren würde die Abkürzung pt für « post » sprechen. Übri- 
gens ist zu beachten, dass statt der bezeichnenden insularen Ab- 
kürzung, dem h-zeichen für « autem », was die beiden vorange- 
henden Handschriften hatten, hier die kontinentale Kürzung 
aü gebraucht ist, daneben aber wieder die insulare Form für 
quae, das q mit 3 Punkten, bezw. Komma. 

Eine allerdings stark verkleinerte Probe der Schrift ist zu 
sehen bei Clark, a. a. O. gegenüber von S. 110. 

4. Noch ausgesprocheneren Minuskelcharakter von insularer 
Art hat das interessante Medizinbuch, Cod. 759, von verschie- 
denen Händen geschrieben. Übrigens ist das insulare Gepräge 
im Schlussteil (von S. 77 ab) abgeschwächt, was gleich an dem x 
auffällt, das jetzt nicht mehr die besondere insulare Form hat, 
die mit n verwechselt werden kann u. oft auch verwechselt wor- 
den ist, weshalb z. B. auf der 1. Seite über ein Wort mit einem 
solchen insularen r eine andere, wohl nicht viel spätere Hand 
das gleiche Wort mit karolingischem r übergeschrieben hat. 
Von den Abkürzungen, die einen insularen Schreiber bezeugen, 
wie die Form o für con, ~ für est, H für enim, h* für hoc, h" für 

2 O 

haec, q für qui, q mit Querstrich für quod, P für post, al- 
lerdings auch wieder neben der kontinentalen Kürzung für au- 
tem, würde die besondere Form für contra auf einen angelsäch- 
sischen Schreiber weisen, während allerdings die verschiede- 
nen P'ormen der Abkürzung bei omnes, om, orni, omif, nicht 
mit angelsächsischem Brauch stimmen, der dieses Wort unge- 
kürzt lässt. Letzteres könnte wieder für kontinentalen Ursprung 
sprechen. Aber auch für diese Handschrift ist kein Anhalts- 
punkt vorhanden, dass sie gerade in St. Gallen geschrieben 
worden wäre, u. ebensowenig für den nach Schrift u. Inhalt 
verwandten Codex 761 , von dem in den Mittheilungen der 
Antiquarischen Gesellschaft zu Zürich, 7, 1853, Abh. 3, Tf. 
XI, 4 eine allerding kleine u. schwache Schriftprobe gegeben 
ist. Beide Handschriften sind unter den libri scottice scripti 
nicht aufgeführt. 

5. Der für die keltische Sprachforschung so bedeutsame 
Priscian, Codex 904, gelangte erst unter Abt Grimait, nach 
anderer Ansicht gar erst nach dem Ungarneinfall 925, wieder 
nach anderer sogar nicht vor dem Jahr 1000 in die Bibliothek, 
auf alle Fälle also nach unserer Zeitgrenze; wie überhaupt 



Die Sankt Galler Schreibschule 17 

erst nach ihr, nämlich in der 1. Hälfte des 9. Jahrhunderts, u. 
zwar mit Bestimmtheit in Irland, seine Entstehung angesetzt 
wird. Die Schrift kann an verschiedenen Wiedergaben nach- 
geprüft werden, so Zimmermann, Tf. 208 u. 209, u. Steffens, 
2. Aufl., Tf. 50. 

6. Am wichtigsten für unsere Frage wäre vielleicht das 
berühmte Stück Cod. 913, meist nach einem besonderen Teil 
Vocabularius Sancti Galli genannt. Alte, fromme Überlieferung 
des Klosters wollte das Büchlein, das schon durch sein win- 
ziges Format auffällt u. damit gleich seine Eigenart verrät als 
Taschenbuch mit allen möglichen Einträgen, die es zu einem 
Notizbuch stempeln, noch in den Händen des Gründers von 
St. Gallen sehen. Leider musste die Wissenschaft diese schöne 
Illusion zerstören, da die Handschrift erst 1 V 2 Jahrhunderte 
nach Gallus entstand, auch nicht von einem Iren, wie Gallus 
gewesen wäre, geschrieben wurde, sondern von einem Angel- 
sachsen, was jetzt wohl einwandsfrei bewiesen ist (s. Clark 
a. a. O. S. 68 ff.). Die Vorlage weist nach Fulda, dem Mittel- 
punkt der angelsächsischen Mission, u. es wird angenommen, 
dass die Handschrift nach einer dortigen Vorlage für das 
Kloster des Gallus von einem angelsächsischen Missionar in 
Oberdeutschland geschrieben wurde, worauf auch neben den 
vielen bezeichnenden insularen Kürzungen die Form ones (für 
omnes) hinweisen könnte. Zeitlich wäre ihre Entstehung recht 
wohl in unserem Abschnitt denkbar, ü. sie könnte mit ihrer 
eigenartigen Schrift, einer Art insularer Minuskel mit halbun- 
zialem Einschlag (Probe s. Clark nach Seite 68) — die aber 
nicht immer gleich bleibt, so dass man an mehrere Hände 
denken möchte — das Werk eines Schreibers von St. Gallen 
darstellen. Aber erwiesen ist dies bis jetzt noch nicht, auch 
fehlt das Büchlein unter den libri scottice scripti. Doch selbst 
wenn im Kloster geschrieben, würde es nicht als Zeugnis einer 
dort bodenständigen Schrift angeschen werden können. 

7. Sehr interessant wären die zahlreichen Reste von Hand- 
schriften mit irischer Halbunziale u. irischer Minuskel, die in 
den aus lauter Fragmenten gebildeten Sammelbänden Cod. 
1394 u. 1395 stecken, u die zugleich auch wieder sehr be- 
achtliche Proben irischer Buchkunst bieten. Auch von ihnen 
können Nachbildungen der Miniaturen u. zugleich einiger 
Schriftzeilen eingesehen werden bei Zimmermann, Tf. 191 b, 



18 K. Löffler 

197 a u. 197 b, u. in den Antiquarischen Mittheilungen Zürich, 
7, Tf. 7 u. 11. Doch bieten die ganz fragmentarischen Stücke 
für die Frage, ob sie wirklich in St. Gallen geschrieben sind, 
noch weniger sichere Grundlagen als die ganz erhaltenen 
Handschriften. Sie dürften wohl einmal eine genauere Einzel- 
behandlung lohnen, die aber hier, wo den Kern der Unter- 
suchung die einheimische Minuskel von St. Gallen bilden soll, 
weniger angemessen wäre. 

So ist das Ergebnis der kurzen Durchsicht gerade der 
insularen Bestände in der Bibliothek nicht sehr gewichtig ge- 
worden, vielleicht noch weniger, als zunächst erwartet wurde. 
Dies hat seinen Grund z. T. darin, dass manche von diesen 
Stücken, die in der wissenschaftlichen Welt einen berühmten 
Namen haben, fast unwillkürlich seither in ältere Zeit hinauf- 
gerückt waren, als genauerer Untersuchung standhält, tatsäch- 
lich aber ausserhalb unseres Zeitabschnittes liegen. Anderer- 
seits war von vornherein anzunehmen, dass diese Schriftdenk- 
mäler gerade für die Bildung einer einheimischen Schrift in 
St. Gallen eine untergeordnete Rolle spielten, weshalb sie für 
unsere Untersuchung mehr eine Nebensache darstellen mussten. 
Aber auf alle Fälle ist es nicht ohne Interesse, dass auch vom 
palaeographischen Gesichtspunkt aus für das insulare Element 
keine grosse Bedeutung aufgezeigt werden konnte, während 
andererseits auf dem Gebiet der Kürzungen — die Frage der 
Abwandlung der Form der insularen Schrift in kontinentalen 
Schreibschulen ist noch nicht genügend geklärt — mancherlei 
Einfluss des Festlandes sich nachweisen Hess, man denke z. B. 
an die Kürzung für autem. Wie weit insulare Kürzungen auf 
die St. Galler Schreibgewohnheiten eingewirkt haben, wird 
später noch zu untersuchen sein. 

Das für unsern Plan geringe Ergebnis der Untersuchung 
der insularen Bestände der Bibliothek, wo bei keiner einzigen 
Handschrift mit völliger Sicherheit zu beweisen war, dass sie 
im Kloster geschrieben wurde, könnte zu einem andern Extrem 
der Annahme verleiten, dass nämlich überhaupt in St. Gallen 
nie insulare Schrift geschrieben worden sei, sondern alles, was 
sich davon dort findet, eingeführtes Gut darstelle u. fernab 
vom Kloster entstanden wäre. Aber die Irrtümlichkeit einer 
solchen Auffassung lässt sich auch wieder aus der Bibliothek 
selbst beweisen u. zwar ganz anschaulich durch eine Hand- 



Die Sankt Galler Schreibschule 19 

schrift, in der insulare Schrift in unmittelbarer Fortsetzung von 

einer Schriftform erscheint, die wir als bodenständig ansehen 

u. die in vielen Stücken der Zeit sich findet. 

8. Cod. 126, 23 % X 14 7 2 , 399 (400) Seiten ('), Hieronymus, 

in Evangelium Matthaei libri IV. 

Die Handschrift ist in ihrem Grundstock in rätischer Schrift 

geschrieben, u. zwar von verschiedenen Händen, aber zweimal 

(S. 244-305 u. 345-397) abgelöst von insularer Schrift, wovon 
Tafel 1 (= S. 244) eine Probe giebt. 

Ehe weiter auf Einzelheiten von Cod. 126 eingegangen 

wird, sei eine allgemeine Kennzeichnung der rätischen Schrift 

vorausgeschickt. 

Die rätische Schrift ist eine Buchschrift, zum mindesten 
in ihrer Zielrichtung, wenn man ihr nicht schon das Zeugnis 
der Zielerreichung geben will, Buchschrift im Sinn einer Schrift- 
art, die schöne u. regelmässige Buchstaben schreiben will, 
gefällig in der Form u. leicht zu lesen, mit wenig Buchstaben- 
verbindungen, in ebenmässigen Schriftzeilen, die als scharf ab- 
gegrenzte Bänder von gleicher Breite, getrennt durch ange- 
messenen Zwischenraum, sich deutlich von einander abheben. 
Der Grundzug der rätischen Schrift geht in die Breite u. ihre 
Formen haben eine unverkennbare Vorliebe für die Rundung. 
Sie kann nach dem ersten Eindruck es wohl aufnehmen mit 
der Rivalin, die später über sie siegte, mit der karolingischen 
Minuskel, von der sie sich in einzelnen Buchstaben ebenfalls 
wieder auf den ersten Blick unterscheiden lässt, durch ihr a, 
das meist aussieht wie zwei c hinter einander, u. durch ihr t, 
dessen Querbalken gern vorn herabgebogen ist, oft so weit, 
dass der Bogen wieder bis zum Schaft herabreicht, also ge- 
wissermassen eine Schleife bildet. Die rätische Schrift hebt 
sich weiterhin insofern von der karolingischen Minuskel ab, 
als sie in einem Punkt noch nicht so weit fortgeschritten ist, 
wie diese, in der Ausmerzung der Ligaturen, womit sie ihren 
Zusammenhang mit der Minuskelkursive deutlich verrät. Zwar 
bleiben auch in der karolingischen Minuskel einige wenige, 

(*) Diese Angaben über Format u. Seitenzahl sind durchweg dem in 
Manchem überholten, aber immer noch höchst verdienstlichen Verzeichnis 
von Scherrer entnommen; es sei ausdrücklich darauf hingewiesen, dass für 
die St. Galler Handschriften die Zahl der Seiten, nicht wie sonst meist, der 
Blätter angegeben wird. 



20 K. Löffler 

gewissermassen geadelte Ligaturen geduldet, aber die rätische 
Schrift hat deren noch eine grössere Zahl u. bezeugt damit 
noch mehr, dass sie erst auf dem Weg von der Minuskel- 
kursive zur Buchschrift ist. Wohl sind auch die Ligaturen der 
rätischen Schrift kalligraphisiert u. wurden offenbar von ihren 
Schreibern nicht etwa als unschön, als Schwäche oder Mangel 
empfunden, was sich schon daraus ergiebt, dass einige davon 
auch in jener Zeit noch beibehalten sind, da diese Schrift ihre 
Blüte u. Vollendung erreicht hat u. durchaus das Gepräge der 
Schönheit trägt. Dazu gehören die Ligaturen mit r, die ebenso 
wie die oben angegebenen einzelnen Buchstaben ein beson- 
deres Merkmal der rätischen Schrift u. ein deutliches Unter- 
scheidungszeichen gegenüber der karolingischen Minuskel ge- 
worden sind. Dass aber die im ganzen Abendland verbreitete 
Bewegung, die eine schöne Buchschrift suchte u. in der die 
Richtung der rätischen Schrift nur eine der mancherlei Ver- 
suchsreihen darstellt, sich von den Ligaturen zu befreien sucht, 
ersehen wir daraus, dass auch in dieser Schrift verschiedene 
Schichten von Ligaturen sich zeigen, von denen die einen 
bälder verschwinden u. nur andere sich endgültig behaupten. 
Zur ersteren Schicht gehören die Ligaturen mit e, wobei dieser 
Buchstabe in der eingekerbten Form mit der Epsilongestalt 
erscheint, wie sie besonders in der italienischen Schrift sich 
häufig findet. Diese Form eignete sich in doppelter Weise für 
Verbindung mit dem folgenden Buchstaben, indem entweder 
das eingekerbte e im Zug einer von unten nach links begon- 
nenen 8 geschrieben u. dann vom Schnittpunkt aus unmittelbar 
zum anderen Buchstaben weitergegangen wurde, ein Verfahren, 
das am häufigsten angewendet ist, oder indem mit dem glei- 
chen Strichansatz nicht zur Schleifenbildung der 8 — Form ge- 
gangen, sondern sogleich von dem Bogenansatz aus zum näch- 
sten Buchstaben gefahren u. erst nachträglich über dem Bogen 
ein kleiner Kreis zur Ergänzung des e aufgesetzt wurde, wenn 
nicht der Schreiber mit der oberen Schleife begonnen hatte 
u. den unteren Bogen erst nachher ansetzte. Es konnte also 
entweder die obere oder die untere Hälfte des eingekerbten 
e zur Verbindung führen. Diese e- Ligaturen verschwanden in 
der späteren Zeit der rätischen Schrift — abgesehen von ein- 
zelnen, die sich auch in der karolingischen Minuskel halten, 
wie et, — u. es wurde zur Verbindung weiterhin nur die Zunge 



Die Sankt Galler Schreibschule 21 

des nicht eingekerbten e benutzt, wie es auch in der karolin- 
gischen Minuskel geschah. Zur anderen Schicht von Ligaturen 
gehören die mit r, von denen einige sich dauernd gehalten 
haben u., wie schon gesagt, dieser Schrift neben anderem 
ihren Stempel aufdrücken. Auch hier ändert sich die Form 
des Buchstabens, indem der Schulterstrich des r nicht in mehr 
oder weniger gewellter, weit ausholender Linie sich ergeht, 
wie in der Halbunziale, sondern kurz nach oben ausholt u. 
dann gleich in spitzem Eck scharf nach unten geführt wird, 
während der Schaft selbst meist weit unter die Zeile reicht, 
wie auch die nach oben ausholende Wendung oft über die 
Grenze der Mittellinie hinaufgeht. Zu solchen r-Ligaturen, die 
der rätischen Schrift eigen sind, gehören die Verbindungen 
mit a, e, o, u, n, r, s, u, t. Wohl finden sich diese Ligaturen 
auch in anderen Kursivschriften, so weist doch die kalli- 
graphische Gestaltung, die sie in der rätischen Schrift zeigen, 
auch wieder nach Italien, wo sie besonders in der Beneven- 
tanischen Schrift später am meisten ausgebildet erscheint. Die 
weitere Ligatur ri gehört zu einer anderen Art u. ist in vielen 
Schriftarten bekannt; sie unterscheidet sich von den obigen 
schon dadurch, dass der Schaft des r hier nicht unter die Linie 
geht. Dieser Ligatur, die mit dem angehängten i gebildet ist, 
können andere angeschlossen werden, wo i auch angehängt 
ist, besonders an m, n, 1, Ligaturen, die aber nicht Eigentüm- 
lichkeiten der rätischen Schrift sind u. sich auch nur verein- 
zelt bei ihr finden, vielleicht Einwirkungen der insularen Schrift 
darstellen. Dagegen ist wieder sehr häufig die Ligatur ti, 
wobei t von unten her gezeichnet Epsilon-Form bekommt, damit 
i angehängt werden kann, und endlich nicht selten die Ligatur 
nt mit gestürztem t. Nur in der älteren Schicht der rätischen 
Schrift finden wir die Ligatur des übergeschriebenen a, die 
ebenfalls einen Überrest der Kursive darstellt. Die Herkunft 
aus der Kursive verrät auch die Form des o, die sich beson- 
ders bei den r-Ligaturen findet, mit dem über den Scheitel 
verlängerten Bogen, so dass der Buchstabe dem griechischen 
ô ähnlich wird. Neben dem Kursiv-o wäre zu nennen die in 
den früheren Handschriften vorkommende Form des über- 
höhten u. eingekerbten c, das so gewissermassen zweimal 
übereinander escheint, eine Form, die in der italienischen 
Schrift am häufigsten ist. 



22 K. Löffler 

Dass man sich beim Suchen nach einer neuen Schriftart 
noch nicht ganz über den Grundcharakter dieser Schrift als 
Minuskelschrift klar geworden war, verrät sich auch darin, 
dass noch manche Majuskeln gebraucht werden. Die eine oder 
andere hält sich ja jahrhundertelang auch in der karolingi- 
schen Minuskel, aber wir finden bei der rätischen Schrift, be- 
sonders in der älteren Schicht doch manche, die bald u end- 
gültig verschwinden, vor allen das G. Ebenso lässt sich we- 
nigstens andeutungsweise der Fortschrift der Zeit an dem 
Buchstaben m verfolgen, der in der ältesten Zeit meist noch 
die Schäfte spitz nach einwärts auslaufen lässt, später sie mehr 
gerade herabführt; wieder eine andere Gruppe lässt den dritten 
Schaft gern nach rechts abwärts laufen. Doch mag gerade bei 
diesem Buchstaben mehr die Liebhaberei des Schreibers, als 
die Zeitentwicklung sich auswirken. 

Auf weitere Einzelheiten wäre bei den einzelnen Hand- 
schriften hinzuweisen. Sie werden meist weniger dem Grund- 
charakter der ganzen Schriftart als einzelnen Schreiberpersön- 
lichkeiten zuzuschreiben sein, wenn auch ihnen gelegentlich 
Fingerzeige für die Gattung entnommen werden können. Dahin 
gehören vereinzelt auftretende Fälle von Verdickung oder 
sonst besonderer Gestaltung der Oberlängen, Verschieden- 
heiten der Behandlung der Rundungen, ob mehr rund oder 
mehr gebrochen, z. B. bei der Minuskelform des d, die neben 
der Unzialform hergeht, ob der Buchstabe 1 unten umbiegt, 
ob er, was gelegentlich sich finden lässt, den Bogen unten 
unter dem nächsten Buchstaben herumführt, wie es die angel- 
sächsische Schrift liebt, ob auch der obere Bogen bei g offen 
bleibt, wie es fast regelmässig der untere ist, ferner ob der 
Schaft von h nach links übergeneigt ist, was schon als Eigen- 
tümlichkeit der burgundischen Schrift bezeichnet wurde, ob 
i u. u An- u. Abstrich haben, ob bei p, dessen Bogen im Ge- 
gensatz zu dem breiten, runden Bogen von q mehr spitz ge- 
zeichnet ist u. oft offen bleibt, der Schaft sich zuspitzt, wie 
auch bei q, ob s auch ausserhalb der Ligatur st unter die 
Zeile geht, wie f sich regelmässig über u. unter die Grenzlinie 
der Mittelschicht ausdehnt, u. dergl. 

Nach dieser Grundzeichnung der rätischen Schrift zu 
Cod. 126 zurück! Die Handschrift bietet keine feste Handhabe 
zur zeitlichen Festlegung. Die Formen der Haupthände, ab- 



Die Sankt Galler Schreibschule 23 

gesehen von der insularen Schrift, zeigen die ausgeprägten 
Züge der rätischen Schrift aus der 2. Hälfte des 8. Jahrhun- 
derts, für deren einzelne Zeitstufen noch keine genaueren Ab- 
grenzungen gefunden sind .Der Eindruck des Schriftbildes mit 
den breiten, verhältnismässig niederen Buchstaben, unter denen 
oft ein Majuskel- G auffällt, wird hauptsächlich bestimmt durch 
das a, das im 1. Teil meist als ic, später eher als cc erscheint, 
durch das t mit dem vorn gern herabgebogenen Querbalken, 
besonders aber durch die Ligaturen von r (das t u. die r-Li- 
gaturen treten gerade auf der abgebildeten Seite weniger 
hervor) u. etwa noch durch die Ligatur des n mit dem ge- 
stürzten t. Weiterhin ist zu beachten das t in Epsilon-Form 
mit angehängtem i, neben dem aber auch gestürztes t mit 
angehängtem i vorkommt, das bei Ligaturen überhöhte e u. 
gelegentlich ein hochgestelltes offenes a vor s, ferner die « whip- 
shafts » ; st bildet immer Ligatur, et erschient sowohl in Ligatur 
wie unverbunden. Endlich sei hingewiesen auf die Kürzung 
uram (*) u. den Ersatz der Endsilbe -ur durch den Apostroph. 
Die Handschrift enthält an sich keinen sicheren Beweis für 
St. Galler Ursprung, wenn man nicht die Bibliothekheimat 
u. die Vermengung von rätischer u. insularer Schrift als ge- 
nügenden Beweis dafür ansehen will. Man könnte sie in dem 
im alten Katalog (a. a. O. S. 73, Z. 16) aufgeführten « Item 
[Hieronymi commentarium] in Mattheum libri IUI in volu- 
mine I, vetus, sehen, wobei aber auffällig ist, dass dieser 
Eintrag durchgestrichen wurde u. in Cod. 267 nicht mehr zu 
finden ist. R. Durrer hat in der Festgabe für Gerold Meyer 
von Knonau, 1913, S. 30, das barbarische Latein einiger Über- 
schriften mit ihren sprachlichen Eigentümlichkeiten als Beweis 
dafür genommen, dass die Handschrift nicht in St. Gallen ent- 
standen sei, u. scheint dafür eher an Chur zu denken. Aber 
dieser Gesichtspunkt kann nicht ausschlaggebend sein, um so 
weniger als dies prachlichen Formen schon von der Vorlage her- 
rühren mögen. Aber auch wenn sie auf einen rätischen Schrei- 
ber wiesen, wäre dies noch kein Gegenbeweis gegen St. Galler 
Entstehung, weil dort in jener Zeit auch Rätier nachgewiesen 
sind. Auf alle Fälle können die vielen Handschriften mit rä- 



(*) Weiteres über die Abkürzungen s. in der Zusammenstellung am 
Schluss. 



24 K. Löffler 

tischer Schrift u. romanischen Spracheigenheiten, die wir in 
der St. Galler Bibliothek finden, sicher nicht alle in Chur ge- 
schrieben sein. Die einfache Ausstattung der Handschrift, die 
aber der Farbe mangelt, könnte in ihren Formen wohl mit 
St. Galler Herkunft in Einklang gebracht werden; sie stimmt 
mit der in anderen Stücken aus dem Bodenseegebiet überein. 

9. Mit der Handschrift 126 wird von R. Durrer wegen der 
Eigentümlichkeiten der Überschrift der vorangehende Cod. 125 
zusammengenommen; 24 7 2 X 16, 276 S., im Haupstück Pseudo- 
Hieronymus in Evangelia, daneben Exzerpte aus verschiedenen 
Schriften. Cod. 125 zeigt ebenfalls rätische Schrift von ähnli- 
cher Art, auch von mehreren Händen geschrieben, von denen 
die eine mehr, die andere weniger kursive Elemente hat. Auch 
die Ausstattung, die gleichfalls keine Farbe benützt, erinnert 
an 126, ebenso die Pergamentart, die sehr massig ist. Dafür 
zeigen hier die Lagen meist Kustoden in Unzialis, umgeben 
auf den 4 Seiten von einem einfachen Ornament, mehreren 
kleinen gleichlaufenden Strichen, von denen die äusseren 
immer kleiner werden, bis sie schliesslich zu einem Punkt 
zusammenschrumpfen, eine Verzierung, die man in Boden- 
seehandschriften auch sonst findet. Dass wir uns mit dieser 
Handschrift schon mehr der karolingischen Periode nähern, 
könnte man aus der Tatsache schliessen, dass die r-Ligaturen, 
die einzelne Hände noch stark pflegen, von andern schon ge- 
mieden werden. Die Kürzung für nostrum schwankt zwischen 
nrm u. nm; daneben aber erscheint die Kürzung der Silbe -ur 
noch durchaus als Apostroph u. nicht als 2- Zeichen. Für 
St. Galler Herkunft könnte bei Cod. 125 im einzelnen noch 
die Kürzung ec für ecce angeführt werden, die gerade in Hand- 
schriften des Klosters sich besonders häufig zeigt. 

Die beiden Handschriften 125 u. 126, die aus mehrfachen 
Gründen zusammen zunehmen sind, werden hier vorangestellt, 
nicht weil sie als die ältesten in der Gruppe von Handschriften 
mit rätischer Schrift angesehen werden — sie wären wohl eher 
an den Schluss unseres Zeitabschnitts zu setzen —, sondern 
weil die eine davon den Zusammenhang mit insularer Schrift 
verkörpert. Zu dieser grossen Gruppe gehört noch eine be- 
trächtliche Zahl von Stücken, für deren zeitliche Einordnung 
einstweilen vielfach feste Handhaben fehlen. Die rätische 
Schrift erlebt in der 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts sowohl ihre 



Die Sankt Galler Schreibschule 25 

Jugendzeit wie um die Wende des Jahrhunderts schon ihre 
höchste Blüte; aber eine genauere Stufengliederung nach kür- 
zeren Zeiträumen oder gar nach besonderen Schreibern ist 
bis jetzt noch nicht aufgestellt worden u. ist besonders auch 
dadurch erschwert, dass gerade bei den St. Galler Hand- 
schriften, die wohl die Hauptmasse der Bestände mit rätischer 
Schrift darstellen, im einzelnen Fall die Ursprungsfrage oftmals 
noch ungeklärt ist. Wenn im Folgenden die Handschriften in 
einer bestimmten Ordnung aufgeführt werden, so soll dies zum 
Teil wohl den Versuch darstellen, eine gewisse zeitliche Reihen- 
folge anzudeuten; es wird aber natürlich nicht der Anspruch 
erhoben, eine endgültige, feste Chronologie damit geben zu 
wollen. 

Es fügt sich glücklich, dass einige Handschriften, die einem 
bestimmten St. Galler Handschriftenschreiber zugehören u. die 
durch seine Person auch eine festere zeitliche Einreihung er- 
halten, zugleich Stücke von andern Schreibern mit gewöhnli- 
cher rätischer Schrift bergen. Sie sind an den Anfang zu setzen, 
da dieser Schreiber die älteste urkundlich nachweisbare Per- 
sönlichkeit eines Handschriftenschreibers aus dem Kloster 
darstellt u. in die Mitte des Jahrhunderts weist. Soweit die 
Handschriften seiner Hand zugehören, werden sie später noch 
einmal an anderer Stelle als Erzeugnisse dieses Schreibers 
genauer behandelt werden. 

10. Cod. 109 (s. u. N. 38). Die rätisch geschriebenen Teile 
gehören mehreren Händen an. Tafel 2 zeigt eine davon 
(«= S. 11). Die rätische Schrift hat hier schon dem ersten Ein- 
druck nach noch mancherlei kursive Züge. Besonders zu 
beachten sind die alten e-Ligaturen, u. auch die eigenartige 
Ligatur ru; weiterhin die keulenmässige Verdickung der Ober- 
längen. Bei einer andern rätischen Hand des Codex wird eini- 
gemal die Silbe li abgeändert in die Form mit angehängtem i; 
auch findet sich gelegentlich ein h mit von links her kommen- 
dem Schaft. Die Hand, von der unsere Tafel eine Probe giebt, 
fällt durch eine verhältnismässig enge, gedrängte Schrift auf. 
Die andern rätischen Hände, von denen der Hauptteil ge- 
schrieben ist, haben ganz die breiten, runden Buchstaben, wie 
sie gewöhnlich in dieser Schrift zu finden sind. Das a erscheint 
meist nicht in der cc-Form, die sonst in der rätischen Schrift 
am häufigsten ist, sondern häufiger als ic ; daneben findet sich 



26 K. Löffler 

übrigens manchmal auch das kleine Unzial-a. Auch hier sind 
die bei Texten in rätischer Schrift so häufigen Verwechslungen 
von i u. e, u u. o zu beobachten ; besonders sei hingewiesen 
auf temporae für tempore. Bei einzelnen Abkürzungen der rä- 
tischen Hände könnte man an unmittelbaren Einfluss der 
Hauptschreiberpersönlichkeit denken, z. B. bei der Kürzung 
für que mit dem quer durch den Schaft des q gehenden ge- 
wundenen Strich, die allerdings nur ganz vereinzelt auftritt, 
u. bei oni, ones, was eine andere rätische Hand für omni u. 
omnes schreibt, während die Hand mit dem breiten Zug om 
hat. Für die Zeitfrage von Bedeutung ist das Schwanken von 
nra neben nis, aut neben au. Die Ausstaltung zeigt einfache 
Initialen mit Flechtung oder Schuppenzeichnung, manchmal 
rot gefüllt. 

11. Cod. 11 (s. u. N. 39), mit der gleichen Mischung von 
Stücken in rätischer Schrift verschiedener Hände mit solchen, 
die von dem oben angedeuteten Schreiber stammen. Die erste 
der rätischen Hände, von denen aber keine mit einer von 
Cod. 109 identisch zu sein scheint, fällt durch Linksneigung 
der Schrift aut. Aber die andern, die übrigens den grösseren 
Teil der Handschrift geschrieben haben, zeigen die üblichen 
ziemlich breiten u. runden Buchstaben, wovon Tafel 3 (= S. 57) 
eine Probe giebt, u. zwar von einer Seite, auf deren Rückseite 
der schon mehrfach genannte Schreiber fortfährt. Auch in 
dieser Handschrift sind wieder manche h mit von links kom- 
mendem Schaft u. einzelne « whipshafts » zu beachten; die 
Ligaturen mit dem eingekerbten e kommen auch vor, sind 
aber seltener. Der Buchstabe a hat die ic — oder cc Form 
neben gelegentlichem kleinen Unzial-a. 

Besonders erwähnt sei eine eigentümliche Ligatur von ae : 
dabei erscheint e in der eingekerbten Form; der untere Bogen 
dieses e wurde weiter gezogen u. die obere Schleife aufgesetzt, 
der weitergezogene Bogen, der wieder bis zur Linie herabge- 
führt wurde, ergab den Schrägbalken von a, dessen Schleife 
wie eine Birne an ihn angehängt ist. Die erste Hand, die 
durch ihre Linksneigung auffällt, hat auch für que die insulare 
Kürzung von quod, wobei wieder an den Einfluss des genannten 
Schreibers gedacht werden kann. 

Die Ausstattung stimmt mit dem überein, was wir von 
anderen Bodenseehandschriften kennen, einfache Initialen mit 



Die Sankt Galler Schreibschule 27 

etwas primitiver Flechtung, gern in den Farben grün u. zie- 
gelrot. Bei einer einzelnen Hand fällt die Umsäumung der 
grossen, schwarzen Anfangsbuchstaben durch plumpe rote 
Punkte auf. 

12. Cod. 2. (s. u. N. 36); auch hier wieder rätische Hände 
zusammen mit obiger Hand. Eine dieser Hände ist ganz ähnlich, 
wenn nicht identisch mit einer solchen, die auch in Cod. 11 
erschien (Cod. 2 S. 22 ff. = 11 S. 25 ff.). Auch sonst stimmen 
die Schriftformen mit denen in den 2 vorangehenden Hand- 
schriften überein, u ebenso die Ausstattung. 

Diese 3 Handschriften dürften vohl ins 1. oder 2. Jahr- 
zehnt der 2. Hälfte des S.Jahrhunderts zu setzten sein; etwa 
in die Mitte dieser Hälfte werden wir mit der folgenden Hand- 
schrift gelangen. 

13. Cod. 44, 30 V 2 X 21 V„ 368 S., mit 2 verschiedenen u. un- 
gleich alten Hälften, einem medizinischen Teil auf dünnem, 
feinem Pergament, der dem 9. Jahrhundert angehört u. hier 
ausser Betracht bleiben kann, u. einem älteren Teil mit ganz 
anderer Schrift, der die Propheten enthält auf sehr massigem 
Pergament, wie es in vielen alten Handschriften des Klosters 
sich findet. 

Dem älteren Teil ist eine Widmung in Unzialschrift bei- 
gefügt, aus der wir ersehen, dass Abt Johannes von St Gallen 
(760-781), der zugleicht Abt von Reichenau u. Bischof von Kon- 
stanz war, die Handschrift für St. Gallen herstellen Hess. Paul 
Lehmann wirft allerdings die Frage auf, ob die Widmung nicht 
vielleicht fälschlich mit der Handschrift zusammengebunden 
worden sei. Doch scheint die äussere Form nicht für diese 
Annahme, die wohl möglich ist, aber erst bewiesen werden 
müsste, zu sprechen. Der Prophetentext ist bis auf einen klei- 
nen Rest auf Quaternionen geschrieben. Für den Rest ist ein 
Doppelblatt angefügt, das den Abschluss des Textes bringt, 
bei dem aber die letzte Seite leer geblieben war u. erst von 
einer späteren Hand einen Eintrag mit 5 Versen des Sedulius 
bekommen hat. Das Doppelblatt stimmt in Einrichtung mit 
den vorangehenden Lagen ganz überein, ist aber etwas schmä- 
ler beschnitten; und mit diesem Doppelblatt stimmt in Per- 
gamentart, Grösse u. Einrichtung vollständig das letzte, weiter 
angefügte Blatt überein, das die Widmung enthält. Es bleibt 
also doch wohl grosse Wahrscheinlichkeit bestehen, dass diese 



28 K. Löffler 

Widmung von Anfang an zu unserem Codex gehörte, u. damit 
wäre die Zeit zwischen 760 u. 781 gegeben, mit der die Schrift- 
formen nach allem, was wir sonst feststellen können, durchaus 
überein stimmen. 

Von der Schrift giebt Chroust (a. a. O. Lief. 14, Tf. 3) 
eine doppelseitige Probe. Chroust lässt die Frage offen, ob die 
Handschrift in St. Gallen oder Reichenau geschrieben worden 
sei; man könnte auch noch an die Möglichkeit denken, dass 
sie in Konstanz geschrieben wurde, wenn eine dortige Schreib- 
schule angenommen wird. Immerhin ist doch wohl nach der 
heutigen Bibliothekheimat u. dem Wortlaut der Widmung das 
Nächstliegende, anzunehmen, dass St. Gallen der Ursprungs- 
ort ist. Für St. Gallen könnte auch die eigentümliche Mischung 
von insularen u. kontinentalen Kürzungen geltend gemacht 
werden. Neben dem insularen b für bene steht die Kürzung 
e' oder ei' für eius, wofür die insulare Schrift andere Kürzun- 
gen hat. Die Form ec für ecce trifft man auch sonst in St. Galler 
Handschriften. Auch die eigenartige Kürzung für qui durch q 
mit einem kleinen, länglich gezogenen s rechts oben, wohl ein 
übergeschriebenes u mit angehängtem i, kommt in kontinen- 
talen Schreibstuben mit insularer Tradition, z. B. auch Bobbio, 
vor. Diese Form findet sich in unserer Handschrift neben der 
anderen Kürzung, bei der der Schaft des q durch einen Quer- 
strich gekreuzt ist. Begegnen ähnliche Formen auch in der 
Reichenau, wo insularer Einfluss zunächst weniger erklärlich 
scheint, so wäre zu untersuchen, ob die betreffenden Hand- 
schriften nicht tatsächlich aus St. Gallen stammen. Auch die 
beiden Formen der Kürzung für autem : aut u. au, sowie qnm 
für quoniam, was später in St. Gallen meist als quo oder qm 
erscheint, wären mit den ältesten Stücken aus dem Kloster 
im Einklang, wie andererseits für die ältere Zeit auch die Kür- 
zung ni, nam spricht. Jedenfalls stehen also die Beobach- 
tungen auf dem Gebiet der Kürzungen durchaus im Einklang 
mit St. Galler Ursprung. 

Die Schrift, für die auf Chrousts Proben verwiesen sei, 
zeigt ganz die typischen Formen der rätischen Schrift. Sie 
erinnert besonders an die der Stuttgarter Handschrift H. B. 
II, 54 (s. Palae. Lat. V, p. 14), die auch von Merton (Buch- 
malerei in St. Gallen) behandelt, aber wohl zu spät angesetzt 
ist. Wie H. B. II, 54 hat Cod. 44 nicht selten das kleine Un- 



Die Sankt Galler Schreibschule 29 

zial-a, unterscheidet sich aber in dem alten offenen a, das in 
II, 54 als cc, hier eher als ic erscheint. Besonders interessant 
ist der Vergleich des mehr kursiv geschriebenen Registers 
mit dem Haupttext, hauptsächlich im Hinblick auf die e-Li- 
gaturen. 

14. Cod. 120, 28X16, 230 S.; Hieronymus in Danielem 
prophetam, dazu vorn ein Stück von Sedulius, Opus Paschale, 
u. hinten ein exegetisches Fragment. Auf den Hauptinhalt 
würde die Nummer im alten Katalog * Eiusdem [Hieronymi] 
super totum Danielem commentariorum volumen I » (a. a. 
O. -S. 73, Z. 7) zutreffen. 

Die Schrift (s. Tafel 4 = S. 96), rätische Art von glei- 
chem Grundgepräge wie in den seitherigen Handschriften, ist 
besonders nieder u. fast noch breiter, aber schon gleichmäs- 
siger als dort. Zu beachten wäre besonders, dass das kleine 
Unzial-a nicht ganz selten neben dem cc-a vorkommt. Sonst 
finden wir auch wieder die r-Ligaturen, wenngleich nicht so 
regelmässig u. das Schriftbild bestimmend, während dafür die 
Verlängerung des Schaftes von r bei den Ligaturen sich be- 
sonders stark bemerklich macht. Ebenso erscheint der Quer- 
balken von t nicht immer herabgebogen; regelmässig nur bei 
der Ligatur st, neben der et immer unverbunden steht. Dazu 
kommt die t-Ligatur in Epsilonform mit angehängtem i, für 
die auch das gewöhnliche t neben i-longa vorkommt, nicht 
seltenes Majuskel-G, neben das die auch an die Majuskelform 
erinnernde Gestalt des F gestellt werden kann. Das e wird 
in der eingekerbten Form mit folgendem m oder n ligiert 
oder — u. dies häufiger — in der gewöhnlichen Gestalt durch 
die Zunge mit dem nächsten Buchstaben verbunden. Die Kür- 
zung nrae steht neben dem Apostroph für die Endsilbe -ur. 

Die Ausstattung, zwar einfach u. ohne Farbe, geht mit 
der aus dem Bodenseegebiet bekannten wohl zusammen. 

15. Cod. 228, 23 % X 14 V 2 , 262 S., Isidori Sententiae. 
Die grosse, sorgfältige, breite Schrift — warum Scherrer 

sie grob nennt, ist nicht recht ersichtlich — erinnert lebhaft 
an Cod. 44 u. Stuttgart H. B. II, 54. Gemeinsam hat sie mit 
Cod. 44 wieder die Kürzung für qui, die auch im Wortinnern, 
z. B. bei equitatem, angewandt ist, u. das hochgestellte offene a. 
Die Silbe -us wird durch Kreuzung des verlängerten Abstrichs 
mit einer Schräglinie gegeben. Auf eine Schreibschule, in der 



30 K. Löffler 

insularer Einfluss sich geltend macht, könnte die Kürzungs- 
form für quod hinweisen, die neben dem kontinentalen qd 
gelegentlich in der alten insularen Form erscheint. Für den 
Zeitansatz sei auf die Kürzung für -ur durch ', also nicht durch 
das 2. Zeichen, neben nr u. nri hingewiesen. 

Auch die übrigens sehr spärliche Ausstattung u. das Per- 
gament gehen mit den seither behandelten Stücken zusammen. 
Die Kustoden, römische Zahlen von einem Winkel überdacht, 
finden sich auch sonst in St. Galler Handschriften. 

16. Cod. 230, 571 S., Stücke aus Isidor u. Eucherius nebst 
Auszügen aus verschiedenen Kirchenvätern. Rätische Schrift 
in sehr sorgfältiger u. gleichmässiger Ausführung, im 1. Stück 
ungewöhnlich klein u. zierlich: neben dem cc-a, das gegenüber 
dem kleinen Unzial-a überwiegt, auch ein offenes a ohne die 
2 Knöpfe oben; die üblichen r- u. e-Ligaturen. angehängtes i, 
z. B. an m, u. hochgestelltes offenes a, z. B. vor t; ausser der 
Ligatur st, die neben unverbundenem et steht, hier auch die 
Ligatur rt. 

Die Handschrift hat sehr reiche Ausstattung mit Initialen 
in den Farbren Rot, Grün u. Lila, meist in Form von Flech- 
tung, am Ansatz bezw. Abstrich der Balken Blättchen oder 
Palmetten. Die Anfangsbuchstaben sind oft rot oder gelb ge- 
füllt. Diese Initialornamentik erinnert wieder durchaus an H. B. 
II, 54, mit dessen Titelseite auch hier die erste Seite weithin 
zusammengeht. 

Aus den Abkürzungen sei zur zeitlichen Festlegung auf 
nri neben Apostroph für — ur hingewiesen, zur örtlichen auf 
die H — kürzung für enim. 

Das glatte, weisse, ziemlich auserlesene Pergament ist 
nicht gewöhnlich in alten St. Galler Handschriften ; dafür aber 
ist zu buchen, dass der Codex im alten Katalog sich findet 
(a. a. O. S. 75, Z. 25 ff.) u. dort als volumen vetustissimum 
bezeichnet wird. 

17 Cod. 876, 22 % bezw. 23 % X 15, 525 S., eine Gra- 
matiksammlung; geschrieben von mehreren Händen, die alle 
rätische Schrift schreiben, z. T. in kleiner, zierlicher Form mit 
spitzer Feder, u. von denen die erste am meisten kursiven 
Eindruck macht. 

Als Besonderheiten seien erwähnt ein oft vorkommendes 
zweistockiges c u. das Kursiv -o, bei dem die über den oberen 



Die Sankt Galler Schreibschule 31 

Schnittpunkt verlängerte rechte Rundung oben einen nach 
rechts geöffneten Bogen bildet, so dass der ganze Buchstabe 
wie ein heutiges rundes d (ò) aussieht. Neben den Ligaturen 
rt u. st steht auch die von et, das aber auch unverbunden 
vorkommt. 

Die Handschrift hat viele zierliche Initialen in Grün, Gelb 
u. Rot, teilweise auch ohne Farbe; manchmal sind die Incipit- 
u. Explicitzeilen gelb grundiert. 

Für die Herkunftsfrage sei hingewiesen auf die Kürzung 
für haec mit h u. dem kleinen wagrechten Strich über dem 
Bogen, für hoc mit h u. dem Punkt rechts daneben, für -us 
mit dem gewundenen Strich von oben nach unten (Kürzungs- 
strich), dem « italian symbol » (s. Lindsay, Notae Lat, p. 384) ^ 
für die Zeit auf nri neben dem Apostroph für -ur. 

Die Handschrift wird wohl gemeint sein im alten Katalog 
mit « partes Asporii > (a. a. O. S. 81, Z. 29), womit auch das 
Incipit der Handschrift selbst übereinstimmt. 

18. Cod. 185, 28 7 2 X 17 V 2 , 218 S., Prosper, im alten Ka- 
talog (a. a. O. S. 74, S. 33) = Liber Prosperi promissionum 
et praedictorum Dei, volumen I. 

Der Codex ist ebenfalls von mehreren Händen geschrieben, 
von denen auch eine wieder mehr kursive Art hat, andere 
breiter u. niederer schreiben u. im Ganzen ebenfalls einen 
sehr eleganten Eindruck machen. Auch hier fällt wieder das 
häufige doppelstockige c auf. Bei den a-Formen, unter denen 
das kleine Lmzial-a nicht selten ist, steht neben der cc-Form 
eine andere, wo auch wieder beim ersten Bogen der Knopf 
fehlt. Beachtenswert ist hier, dass eine korrigierende Hand, 
die mehr kursiv schreibt, öfters ci, das für ti steht, in die Li- 
gatur mit der Epsilon-Form umwandelt. Für die Initialorna- 
mentik sind auch hier keine Farben beigezogen. 

Neben nri u. nram steht wieder ni ; für die Endsilbe -ur, 
die allermeist ausgeschrieben wird, kommt gelegentlich der 
Apostroph vor. Die korrigierende Hand hat manchmal om 
für omnis, das neben der üblichen gleichen Kürzung für omnes 
steht, in omis abgeändert u. entsprechend über om für omnem 
ein ne übergeschrieben. 

19. Cod. 40, 357 S., mit 3 ursprünglich wohl selbständigen 
Stücken: 1. Jesaias u. Jeremias, 2. Hieronymus, Kommentar 
zum Evangelium Matthaei ; 3. von S. 301 ab, kleinere Einzel- 



32 K. Löffler 

stücke, aus späterer Zeit, u. hier ausser Betracht bleibend, 
während die anderen der Ausstattung nach der Gruppe der 
eben behandelten Handschriften anzuschliessen sind. 

Das 1. Stück, S. 1-167, dessen Schlussseite übrigens von 
viel späterer Hand geschrieben ist, hat rätische Schrift von 
mehreren Händen, die sich z. T. ablösen. Neben der gewöhn 
liehen cc-Form des a steht auch wieder ein solches, bei dem 
der 1. Knopf fehlt. Übrigens findet sich neben den beiden auch 
das kleine Unzial-a. Dabei ist zu beachten, dass das cc-a be- 
vorzugt ist, selbst in einem Wort, wo vor dem a ein c steht; 
so ist z. B. bei caligo die Unterscheidung des c von dem fol- 
genden a dadurch gesucht, dass das c zweistockig geschrieben 
wird. In den Abschlussstrichen, die auf der 1. Seite beim letzten 
Schaft von m u. n gemacht worden, könnte man einen Hinweis 
auf spätere Zeit sehen. Sonst aber stimmt das Bild mit dem 
überein, das seither die rätische Schrift gezeigt hat; auch die 
Ausstattung dieses Teiles geht mit dem, was sonst vom Bo- 
denseegebiet bekannt, zusammen, hat aber keine Farbe. Einen 
späteren Eindruck macht die Schrift des 2. Stückes, die man 
auf der 1. Seite wohl schon dem 9. Jahrhundert zuweisen 
könnte, die aber bei den folgenden Seiten doch wieder etwas 
älter anmutet u. wieder mehr an die Schrift des 1. Stückes 
herangeht. Hier sind die manchen Majuskeln, z. B. N, auch 
in der Ligatur NT, u. R, zu beachten. Später wird die Schrift 
wieder jünger; doch kann man den Gedanken nicht ganz ab- 
weisen, dass es die gleiche Hand ist, die aber immer mehr 
die älteren Formen aufgiebt. Auf spätere Zeit weist hier auch 
das Gebiet der Kürzungen, z. B. IHS. In beiden Stücken haben 
wir nri, nris u. s. w. ; aber auch om sowohl für omnis wie für 
omnes. Die Endsilbe -ur wird meist ausgeschrieben; wenn 
gekürzt, escheint für sie der Apostroph. 

Zur Frage der Herkunft sei auf die Kürzung ej' hinge- 
wiesen ; ebenso noch auf die Form der Kustoden, Unzialbuch- 
staben unter einem Winkelhaken. 

20. Cod. 249, 26 VX 18, 92 S., im Hauptstück Bedas 
Liber de orthographia, das eine alte Überlieferung des Klo- 
sters von Beda selbst geschrieben sein lässt, wie sie überhaupt 
von seiner Anwesenheit im Kloster berichtet, was beides in 
das Reich der Legenden zu verweisen ist. Die Handschrift ist 



Die Sankt Galler Schreibschiile 33 

aber alter Besitz von St. Gallen, denn sie ist schon im ersten 
Katalog aufgeführt (a. a. O. S. 80, Z. 24). 

Die Schrif hat im vorderen Teil ihr eigenes Gepräge. Das 
cc-a dringt erst später vor, zunächst tritt es zurück hinter 
einer anderen Form in der Art des insularen a. Auch die Li- 
gaturen mit r erscheinen nicht in der üblichen Form, dafür 
sind die Ligaturen mit i beliebt. Weithin zeigt die Schrift ziem- 
lich kursiven Charakter ; besonders fällt das alte Kursiv-p auf, 
das zweistockige c, ein kursives d u. viele whipshafts. Den 
Hinweis auf insulare Schrift, den schon das a gebracht, könnte 
noch die insulare Kürzung für est verstärken ; doch ist daran 
zu denken, dass sich diese Kürzung auch in Italien, besonders 
Süditalien, findet. Weiterhin kann die Kürzung q für quia an- 
geführt werden. Die Form nrm steht neben dem Apostroph 
für die Endsilbe -ur. 

Der Schlussteil, von S. 62 ab, ein orthographischer Traktat 
ohne Überschrift, dessen Pergament, Einrichtung u. s. w. ganz 
mit dem vorderen Teil übereinstimmt, zeigt schon eine ka- 
rolingisch schreibende Hand. 

Gehen in der Gruppe von Handschriften, die hier an den 
aus dem mittleren Teil der 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts stam- 
menden Codex 44 angeschlossen sind, u. zwar ohne feste zeit- 
liche Handhabe, nur der Übereinstimmung der Schriftformen 
nach, die beiden letzten wohl schon der Jahrhundertwende zu, 
so sei zum Schluss noch ein Stück angefügt, das die gleichen 
F'ormen zeigt u. noch einmal einen gewissen Anhaltspunkt für 
eine zeitliche Festlegung bietet: 

21. Cod. 225, 25 % X 16, 478 S., mit manigfaltigem Inhalt, 
hauptsächlich dem Isidorus u. Eucherius entnommen, im alten 
Stiftskatalog aufgeführt als liber differentiarum Ysidori et alia 
nonnulla in volumine I (a. a. O. S. 75, Z. 28), wobei eine an- 
dere Hand das scharfe Urteil < totum mendacium et inutile » 
darüber geschrieben hat, ein Urteil, das die alte Abschrift 
des Katalogs in cod. 267 nicht übernommen hat. 

Die Handschrift stammt von mehreren mindestens 4 Schrei- 
bern: A. Chroust (a. a. O. Lief. 14, 1) scheint an die Möglich- 
keit zu denken, dass eine der Hände diejenige Winithars 
(s. u.) sei, was aber Irrtum wäre. Sie zeigt, u. zwar bei allen 
Händen, rätische Schrift meist in breiter, aber auch in stäm- 
miger Form (s. Tafelö — S. 123). Wir sehen wieder das cc-a, 



34 K. Löffler 

bei t oft den herabgebogenen Querschaft u. die Ligaturen 
mit r; dann die Erscheinungen, die in anderen Handschriften 
schon vertreten waren, das n mit gestürztem t, das angehängte 
i, das eingekerbte e in Verbindung mit m oder anderen Buch- 
staben, die whipshafts. Die eine oder andere Hand hat auch 
ihre besondere Eigenheit, z. B. schreibt eine ein auffallend 
hohes z, während eine andere diesen Buchstaben ganz nieder, 
aber sehr breit macht; wieder eine andere erinnert besonders 
stark an H. B. II, 54. Auch die schlechte Latinität, besonders 
die Verwechslung von i u. e ist wieder festzustellen; teilweise 
sind solche Fehler durch Überschreiben richtig gestellt. Im 
Vergleich zu anderen Handschriften mit rätischer Schrift finden 
wir hier viel häufiger das karolingische a, worin man einen 
Fingerzeig sehen könnte, dass der Codex später anzusetzen 
ist. Auch das gleichmässige, schon recht kalligraphisch ge- 
staltete Schriftbild mag darauf hinweisen. 

Nun giebt ein Stück des Inhaltes, der Computus, der auf 
Seite 114 beginnt, auch eine diese Hinweise stützende Hand- 
habe. Er enthält die fahresrechnung von 760-797 u. spricht 
vom Jahr 761 als praesens annus. Wohl zeigt der weitere Text, 
dass man sich nicht auf 761 festlegen darf. Aber andererseits 
stimmt die Hand, von der die Rechnung von 760 bis 797 fort- 
geführt wird, so mit der ersten, die 760 behandelt hat, überein, 
dass man an Identität denken kann. Bei aller Vorsicht in der 
Schlussfolgerung aus solchen Momenten — es kann sich ja 
auch einfach um eine Abschrift des Textes mit den gegebenen 
Zahlen handeln — wird man wohl alles zusammenfassend die 
Schrift in den Schlussteil des 8. Jahrhunderts setzen dürfen. 

In die Bodenseegegend weist wieder der in verschiedene 
Arten der Ausführung gekleidete Buchschmuck, der mit seinen 
Initialen (') in Vielem eine Wiederholung von Formen aus H. B. 
II, 54 bringt, nur in kleinerem Massstab. Als Weiterung gegen- 
über der letzteren Handschrift wäre vielleicht nur die Verwen- 
dung von Lilafarbe zu nennen. Auch das Pergament selbst, 
das oft etwas bräunlich ist u. Haarporen zeigt, erinnert an das 
von II, 54. Weiterhin hat die Kustodenbezeichnung, Unzial- 
buchstaben, die durch römische Zahlen fortgesetzt werden, 



( l ) Eine Probe davon ist nachgebildet im Psalterium Aureum von Rahn, 
S. 3. 



Die Sankt Galler Schreibschule 35 

unter dem Dach eines Winkels, der sie nach links abschliesst, 
Entsprechungen in St. Galler Handschriften. Eigentümlich sind 
einige handartige Zierformen, die seitwärts von den Kustoden 
oder an den Winkelschenkeln angebracht sind. Endlich können 
wir einen weiteren Hinweis auf St. Gallen in den Kürzungen 
sehen, die offenkundig insularen Einfluss zeigen: so die um- 
gekehrte c-Form für con, das H-zeichen für enim, auch einmal, 
aber wie es scheint, vereinzelt das h-zeichen für autem, das 
sonst gewöhnlich au gekürzt ist. 

Ihre höchste Blüte zeigt die rätische Schrift um das 
Jahr 800. Aus dieser Zeit stammen die Handschriften, in denen 
die Schriftart in ihrer vollendetsten Form erscheint. Auch diese 
schönsten Handschriften sind wieder in der Bibliothek von 
St. Gallen geborgen, aber eben bei ihnen ist die Frage der 
Entstehung im Kloster am meisten umstritten. Gerade die be- 
rühmtesten werden vielfach Chur, der mutmasslichen Ur- 
heimat der ganzen Schriftgattung, zugewiesen. Dies trifft vor 
allen beim folgenden Codex zu, der hier als erster aufzuführen 
ist u. der sowohl wegen seiner Schrift u. seines Buchschmucks, 
wie auch wegen seines Inhalts die Gelehrtenwelt schon viel 
beschäftigt hat. 

22. Cod. 348, 23X14V 2 , 376 S., das fränkische Sacra- 
mentarium Gelasianum. 

Die Handschrift ist in einer ausgezeichneten Monographie 
aus neuerer Zeit eingehend behandelt u. zugleich abgedruckt 
worden, von P. Kunibert Mohlberg aus der Benediktinerabtei 
Maria-Laach in Heft 1/2 der Liturgiegeschichtlichen Quellen 
hgg. v. Mohlberg u. Rücker. P. Mohlberg stellt die reiche Li- 
teratur über den Codex nebst den Veröffentlichungen von 
Proben seiner Schrift genau zusammen, weshalb hier ein Hin- 
weis auf seine Angaben die Eingelaufführung ersetzen kann. 
Nur als Stellen, wo die Schrift am leichtesten nachzuprüfen 
ist, sollen die Tafeln von Mohlberg selbst u. von A. Chroust, 
a. a. O. Liefg 17, 7 a genannt werden. 

Das eigentliche Sakramentar, das weitaus grösste Stück 
der Handschrift, galt schon immer als nicht in St. Gallen ent- 
standen. Auch die kunstgeschichtliche Forschung (Zimmer- 
mann a. a. O. S. 23, Anm. 101/102) hat in dem Buchschmuck, 
der gelegentlich als Beweis für die irische Richtung der Buch- 



36 K. Löffler 

inalerei in St. Gallen angeführt worden war, angelsächsische, 
nicht irische Formen festgestellt u. damit eine Entstehung im 
Kloster auch von dieser Seite widerlegen wollen. In der Zeit, 
da die Vorstellung von der « langobardischen Schrift » ihr Un- 
wesen trieb, dachte man sich die Schriftheimat des Sakramen- 
tars südlich der Alpen. Neuere Untersuchungen erkannten 
seine Zugehörigkeit zu der Schrift, die man als rätisch be- 
zeichnet, u. man sah in dem Codex eines der Hauptstücke, 
die für die Bedeutung von Chur für die Bildung dieser Schrif- 
tart zeugen könnten. Einzelheiten, besonders Beziehungen zu 
Bischof Remedius wiesen offenkundig auf Chur, u. R. Durrer 
hat sogar in kühner Entdeckerfreude den Schreiber der Hand- 
schrift in Orsacius aus dem altehrwürdigen Stift St. Luzius in 
Chur zu finden geglaubt. Wenn auch Mohlberg diese letzte 
Feststellung als nicht gesichert ansehen möchte, so legt auch 
er den Ursprung der Handschrift, die, wie er aus dem Inhalt 
nachweist, nicht in St. Gallen entstanden sein könne, nach 
Chur. Als Zeit der Enstehung nimmt er die Jahre um 800, 
zwischen 790 u. 810, an, weist aber zugleich nach, dass der 
Codex schon früh, wohl gleich nach seiner Entstehung, in das 
Kloster St. Gallen kam, wo ihm vorn Beigaben angefügt wur- 
den, darunter eine, die seiner Annahme nach ziemlich gleich- 
zeitig mit dem Sakramentar geschrieben sein muss, nämlich 
die Seiten 24-28, die besondere Messen enthalten. Dieses Stück 
zeigt die gleichen sprachlichen Eigentümlichkeiten u. die gleiche 
Orthographie, wie das Hauptstück selbst, Merkmale, die auf 
eine Zeit weisen, da in der Orthographie die verwilderte 
Schreibart der Merowingerzeit sich noch stark geltend mache, 
aber andererseits auch die karolingische Reform schon zu 
spüren sei. Zugleich lassen diese Dinge wieder an eine roma- 
nische Gegend oder an die Hand eines romanischen Schreibers 
denken. Aber auch die Schriftformen selbst (s. Tafel 6 = S. 28) 
zeugen stark für eine solche Zusammengehörigkeit. Wenn man 
die Schrift dieser Seite, die also nach Mohlberg um 800 in 
St. Gallen geschrieben wäre, mit der Schrift des Sakramen- 
tars selbst vergleicht, so zeigt sich eine solche Ähnlichkeit, 
bezw. Übereinstimmung, dass man nicht blos an eine u. die- 
selbe Schreibstube, sondern sogar an einen u. denselben 
Schreiber denken könnte u. somit fast wieder stutzig wird über 
die Zuweisung des Hauptstückes an eine Churer Schreibschule. 



Die Sankt Galler Schreibschule 37 

Doch sind auch wieder feine Verschiedenheiten festzustellen, 
z. B. hat das Sakramentar gern die Form des r, bei der der 
stark gewellte Schulterstrich nach oben ausläuft u. nicht in 
den folgenden Buchstaben übergeht, eine Form, die als Eigen- 
tümlichkeit der norditalienischen Kalligraphie bezeichnet wor- 
den ist (s. Palae. Lat. I, S. 42 u. auch unten N. 31), u. die sich 
in der St. Galler Beigabe nicht findet. Dafür ginge die Initial- 
ornamentik dieser Beigabe im Grund ihres Stils wohl zusam- 
men mit der des Hauptstücks; nur ist sie schlichter, was schon 
im Fehlen des Goldes sich äussert. Andererseits sind Einrich- 
tung, Zählung u. besonders die kunstvollen Kustoden des 
Hauptstücks von denen in der Beigabe verschieden, während 
allerdings der Charakter des Pergaments, eines guten, glatten, 
weissen u. dünnen Materials, in der ganzen Handschrift gleich 
bleibt u. von den seitherigen rätischen Handschriften St. Gal- 
lens abweicht. 

Doch mag die Frage der Entstehung des ganzen Codex 
aus dem Spiel bleiben, u. nur die Beigabe, deren Schrift ab- 
gebildet ist u. die nach Mohlberg in St. Gallen u. zwar etwa 
gleichzeitig mit den Hauptstück geschrieben worden wäre, 
unserer Betrachtung zu Grunde gelegt werden, so springt die 
Gemeinsamkeit des Grundcharakters mit den andern Proben 
der rätischen Schrift unverkennbar in die Augen. Alle die 
Merkmale, die seither für diese Schrift gefunden wurden, 
treffen hier wieder zu ; ganz prägnant ist die typische Gestalt 
des t, das fast aussieht wie ein a. Andererseits weist das 
kalligraphische Gepräge der schönen, gleichmässigen Schrift, 
in der die starke Breitentendenz etwas abgeschwächt ist, 
sowie das nicht seltene karolingische a schon auf die spä- 
tere Zeit der Entwicklung. Doch könnte z. B. die Kürzung na 
u. der Apostroph für -ur einen Wink geben, nicht zu weit in 
der Zeit herunterzugehen, so dass also auch rein von der 
Schrift aus die von Mohlberg nach anderen Momenten gewon- 
nene Zeitbestimmung bekräftigt wäre. 

Nicht verschwiegen werden soll, dass mit der Annahme, 
wonach der Codex schon am Anfang des 9. Jahrhunderts im 
Kloster war, sein Fehlen im alten Katalog im Widerspruch 
steht. 

Mit Codex 348 ist eine Gruppe von Handschriften zusam- 
menzunehmen, die besonders den Schriftformen nach sich an 



38 K. Löffler 

ihn auschliessen, allerdings nach u. nach in mehr oder weniger 
grossem Abstand; es sind dies die Nummern 350, 722, 193 
u. 567, die alle wegen ihres Inhalts u. wegen bestimmter an 
sie sich knüpfender Probleme die Wissenschaft schon vielfach 
beschäftigt haben, wobei auch jede derselben in Schriftproben 
der Öffentlichkeit vorgeführt worden ist. 

23. Codex 350, 22, 4 X 14, 7, 116 S., Sakramentarfragment. 
Die Handschrift zeigt sich nach Mohlberg der von ihm 

behandelten N. 348 in Schrift u. Ausstattung so nahe verwandt, 
dass sich die Auffassung aufdränge, sie sei unweit von deren 
Ursprung u. zwar ziemlich gleichzeitig entstanden. 

Chroust, a. a. O. Liefg 17, 7 b, zeigt die Seiten 8 u. 9. 
Die sorgfältige, gleichmässige Schrift hat unverkennbar ge- 
meinsamen Charakter mit der von Cod. 348, wenn sie auch, 
schon durch ihrer grösseren Buchstaben, die bei dem kleinen 
Format noch mehr auffallen, doch auch wieder ihr eigenes 
Gepräge hat, das besonders mit dem Ansatz zu gebrochenen 
Formen an die spätere Schrift von Montecassino erinnert. Auch 
die Kürzungen nis, nm, Apostroph für die Silbe -ur sind beiden 
Handschriften gemeinsam. Ebenso gehen die allerdings grösser 
u. gröber gezeichneten Initialen, besonders auch in den Farben, 
zusammen, nur zeigen sie hier kein Gold. Zugleich hat aber 
die Ausstattung auch wieder andere Merkmale, die an italie- 
nischen Ursprung denken lassen. Abweichend von Cod. 348 
ist die Art der Kustodenbildung u. ihr Schmuck, während das 
Pergament selbst mehr Ähnlichkeit hätte. 

24. Cod. 722, 25 7 2 X 16 7 2 , 268 S., ein Palimpsest, auf 
dem Psalmenkommentar des Hilarius in Unziale die Lex Ro- 
mana Curiensis u. die Capitula Remedii in rätischer Schrift 
von mindestens zwei Händen. 

Auch diese Handschrift ist schon wegen ihres Inhalts viel 
behandelt worden u. wird immer in Beziehung zu Chur ge- 
setzt, wohin ja auch wieder der Name Remedius weist. Proben 
ihrer Schrift giebt z. B. Durrer, a. a. O. Tafel II, u. Monu- 
menta Germaniae historica, Leges V, Tab. II zu Seite 292- 

Das Grundgepräge der Schrift ist durchaus rätisch bei 
den verschiedenen Händen, die neben einander hergehen, von 
denen aber die erste besonders zierlich u. elegant schreibt, 
wieder mit unverkennbarem Anklang an die Schrift von Mon- 
tecassino — was übrigens auch bei andern Händen zutrifft — 



Die Sankt Galler Schreibschule 39 

die zweite bei h den von links her kommenden Schaft u. bei 
den Oberlängen gern keilenförmige Verdickung bezw. zwei 
fast parallele Striche zeigt, die in der Mitte einen ganz schmalen 
Zwischenraum lassen, so dass statt der Verdickung eine Art 
Schleifenbildung entsteht. 

Auch die oft genannten romanischen Eigentümlichkeiten, 
z. B. omini statt nomini u. dergl. sind getreulich festzustellen. 

Die Kustodenzeichnung hat hier eine besondere Art, Un- 
zialbuchstaben von Vierecken umrahmt. 

25. Cod. 193 ('), 20,5 X 13,3, 303 S., eine Palimpsesthand- 
schrift, in der Hauptsache das Homeliar des Caesarius von 
Arles auf Prophetentext. 

Die Handschrift ist im Jahr 1913 als Spicilegium Palimpse- 
storum I von P. Anselm Manser in Facsimile-Druck herausge- 
geben u. von P. Alban Dold in « Texte u. Arbeiten hg. von 
der Erzabtei Beuron », Abt. 1, H. 1/2, eingehend behandelt 
worden. Sie bietet ein weiteres Beispiel von eleganter rätischer 
Schrift, die jedenfalls in ihrem Grundgepräge mit den rätischen 
Stücken aus St. Gallen zusammenginge, wenn sie auch in ei- 
nigen Einzelheiten etwas Besonderes hat, z. B. in den Liga- 
turen te. Sie ist auch insofern bemerkenswert, als sie bei durch- 
aus kalligraphischem Charakter die beiden Ligaturen von e, 
in der eingekerbten Form u. in der Verbindung mit der Zunge 
der gewöhnlichen Form ganz neben einander zeigt. Zu dem 
Hinweis auf die kalligraphische Schrift, die für spätere Zeit 
spricht, ist der auf die Kürzung nis zu setzen, was wieder da- 
von abhalten wird, in der Zeit zu weit herabzugehen. Da in 
der Handschrift ein Stück aus der Regula Benedicti dem Hie- 
ronymus zugeschrieben wird, hält P. Dold es für unmöglich, 
dass sie in St. Gallen geschrieben worden wäre; dagegen 
sei dort später die Berichtigung dieses Irrtums eingetragen 
worden. P. Dold findet in der Handschrift Anklänge an die 
Schriftgattung, die als langobardisch, cassinesisch oder bene- 
ventanisch bezeichnet werde, u. denkt also an Italien als 
Ursprungsland. Dem widerspricht aber das Vorkommen eines 

( l ) Auf Cod. 194, auch eine Palimpsesthandscrift, die in ihrer ersten 
Hälfte ganz mit Cod. 193 übereinstimmt, ist nicht weiter eingegangen; die 
Schrift, ungefällig u. kritzelig, hat zwar auch rätischen Charakter, zugleich 
aber einige Einzelheiten, die sie von den andern St. Galler Handschriften 
ganz absondern. 



40 K. Löffler 

lateinisch-deutschen Glossarstücks, das an einen deutschen 
Mönch denken lasse, der einige Jahre in Italien geblieben u. 
dann zurückgekehrt wäre ; oder weise es auf das Grenzgebiet 
zwischen Italien u. Deutschland. 

Der Buchschmuck hätte an sich nichts Fremdartiges im 
Vergleich mit dem, was sonst aus der Bodenseegegend be- 
kannt ist. 

Mit diesem Codex hängt eng zusammen der folgende, der 
für die Herkunftsbestimmung sehr wichtig ist. 

26. Cod. 567, 25 X 17, 199 S, teilweise ebenfalls Palim- 
psest, eine später zusammengesetzte Handschrift von verschie- 
denen Teilen, Collectaneum, wie vorn eingeschrieben steht, 
im Hauptstück Heiligenleben. 

Die Handschrift bildet ebenfalls den Gegenstand der Un- 
tersuchung von F. Alban Dold, in Heft 1/2 der « Texte u. 
Arbeiten », wo auch eine Probe der Schrift gegeben ist. Ihr 
Zusammenhang mit Cod. 193 besteht darin, dass eine Lage 
von ihr zur gleichen alten Prophetenhandschrift gehört, von 
der ein Teil palimpsestiert den Codex 193 ergeben hat, u. 
ihre Bedeutung für die Herkunfts frage liegt in der Tatsache, 
dass in ihr eine Vita Lucii enthalten ist, die nach der Ansicht 
sowohl von Durrer, wie von A. Manser u. A. Dold textlich 
u. inhaltlich auf Chur weist. Aber auch von dieser Handschrift 
wäre dann anzunehmen, dass sie früh nach St. Gallen gelangt 
ist ; denn sie, wie das vorangehende Stück, sind schon im alten 
Katalog des Klosters genannt (a. a. O. S. 78, Z. 2-4). 

Die Handschrift hat verschiedene Stücke u. in der Zweit- 
schrift verschiedene rätische Hände. Die Schrift weist in den 
älteren Stücken — die vorderen Stücke sind jünger — etwas 
anderes Gepräge auf als in Cod. 193 u. wird auch älter an- 
gesetzt (Durrer nimmt c. 780 an), worauf schon ihr weniger 
ausgeprägter kalligraphischer Charakter deuten dürfte. Aber 
auch im Vergleich mit den Grundstock der Handschriften rä- 
tischer Art ist eine gewisse Abweichung in den Formen nach- 
zuweisen, die sich besonders bei den Ligaturen mit r zeigt. 
Auch der mehr als bescheidene Anlauf zur Ausstattung aut 
S. 134 ist etwas fremdartig, ebenso die auf dieser Seite sich 
findende Zickzackform der Längen. Für die Herkunftsfrage 
ist vielleicht nicht ohne Bedeutung die, auch in Cod. 722 vor- 
kommende, Kürzung für post mit dem über bezw. neben den 



Die Sankt Galler Schreibschule 41 

Bogen von p gesetzten kleinen Halbkreis, was von einer spä- 
teren Hand durch Überschreiben von ost über p abgeändert 
worden ist, wie auch z.JB^u (für vero) in u ro abgeändert ist; 
für die Zeitfrage ni u. um, über was von späterer Hand nri 
u. urm geschrieben wurde, u. die Kürzung der Endsilbe ur 
durch den Apostroph. 

Andere Teile der Handschrift besonders am Schluss, die 
auch rätischen Charakter haben, zeigen in ihren breiteren u. 
gefälligeren Buchstaben geläufigere Formen, wie sie etwa in 
Stuttgart H. B. II, 54 zu finden sind. Zugleich ist aber zu 
beachten, dass hier die Schrift von einer solchen karolingi- 
schen Gepräges abgelöst wird. 

Dieser Gruppe sei eine ähnliche Handschrift aus der 
Stiftsbibliothek angeschlossen, deren Ursprung ebenfalls im- 
mer ausserhalb des Klosters gesucht wird: 

27. Cod. 731, 21 7 a X 13, 342 S., Lex Romana Visigo- 
thorum, Salica et Alamannorum. 

Auch dieser Codex ist wegen seines Inhalts u. wegen 
seines Buchschmucks schon viel behandelt worden; Proben 
der Schrift s. Steffens, 2. Aufl. Tf. 43, Chroust Liefg 17, 6, u. 
Zimmermann, Taf. 150/152. 

Als Zeit der Niederschrift ist für einen bestimmten Teil 
das Jahr 793 festgelegt, womit auch die Schrift in ihren kal- 
ligraphisch festgeprägten Formen u. das nicht seltene karo- 
lingische a im Einklang steht. Sie wurde seither einem Wan- 
dalgar in Besançon zugeschrieben, was neuerdings als Irrtum 
nachgewiesen wurde. 

Im Grunde ist das Gepräge der Schrift auch rätisch, weicht 
aber doch von den andern rätischen Stücken aus St. Gallen 
ab, wie auch der Buchschmuck ganz andere Art zeigt u. die 
Ausstattung der Kustoden sich ebenfalls dort nicht nachweisen 
lässt. Von den in der rätischen Schrift üblichen Ligaturen mit r 
finden sich wohl hier auch manche; dabei fällt der ungewöhnlich 
lange Schaft des r hier besonders auf, wenn er auch bei 
diesen Ligaturen meist etwas verlängert wird (einen andern 
Fall von dieser besonderen Länge s. Tafel 4). In der Verbin- 
dung ra finden wir wieder die eigenartige r-Form, die schon 
bei 348 aufgefallen war; dabei fehlt dem ersten der beiden 
das a bildenden c der Knopf. Ungewöhnlich sind auch die Ver- 
bindungen mit dem hohen e. 



42 K. Löffler 

Im alten Klosterkatalog - ist die Handschrift nicht auf- 
geführt. 

Die Gruppe der letzten Codices, die Proben der rätischen 
Schrift in ihrer schönsten Form, Früchte aus ihrer Blütezeit 
darstellen, ist allerdings gerade für die St. Galler Schreibkunst 
am wenigsten gesichert. Doch würde der kleine St. Galler 
Beitrag dazu in der ersten dieser Handschriften immerhin den 
Beweis liefern, dass auch die Klosterschule damals nicht zu- 
rückgeblieben ist. 

Dieser Gruppe, die zum grössten Teil nach Chur zu weisen 
scheint, sei eine kleinere angeschlossen, von der die wichtigste 
Handschrift mit der Reichenau in Beziehung gebracht wird. 

28. Cod. 914, 23,7 X 16,3, (285 recte) 272 S., im Haupstück 
die Regula Benedicti u. dazu, meist von späteren, z. T. be- 
sonders kalligraphisch schreibenden Händen, eine Reihe von 
Stücken, die sich auf die Benediktiner Reform beziehen. Die 
Handschrift ist von L. Traube in der « Textgeschichte der 
Regula S. Benedicti » (= Abhandlungen der Bayer, Akademie, 
Philol. hist. Kl. 1898, 2. Aufl. 1910, Bd. 25, Abt. 2, hg. v. Plen- 
kers) als die Abschrift nachgewiesen worden, die der Reiche- 
nauer Abt Haito durch zwei seiner Mönche, Tatto u Grimait, 
von dem für Karl d. Gr. hergestellten Musterexemplar, einer 
Copie des damals in Montecassino befindlichen Originals her- 
stellen Hess, im Anschluss an die auf der Tagung in Aachen 817 
beschlossene, von Benedikt von Aniane angeregte Reform der 
Benediktinerklöster. In unserem Codex steckt auch in Abschrift 
der Brief, den die zwei Mönche ihrem Abt über die Ausfüh- 
rung ihres Auftrags geschrieben haben. 

Hier wäre nur die Schrift des 1. Stückes, der Regula Be- 
nedicti, zu betrachten, mit der diejenige des letzten Stückes, 
eines Martyrologiums, gleichzeitig, wenn auch nicht ganz gleich 
ist. Sie erinnert (Proben s. Traube, a. a. O. Tafel 4 u. Stef- 
fens, a. a. O-, Tafel 43 a) durchaus an die rätische Schrift mit 
ihrer breiten, runden Form ( £ ). Wenn die Handschrift nach 
Traubes Beweisführung von Reichenauer Schreibern stammt (~), 

(*) Wir sehen die cc-a neben dem karolingischen a u. einer Form, die 
an das insulare a erinnert, sowie die e-Ligaturen ; dagegen treten die r-Li- 
gaturen zurück, u. finden sich fast nur mit a u. e. 

( 2 ) Immerhin ist die Möglichkeit nicht ausser Acht zu lassen, dass man 
in Cod. 914 auch eine diplomatisch genaue St. Galler Abschrift des für die 



Die Sankt Galler Schreibschule 43 

so wäre dies von grosser Bedeutung für die Tatsache, dass 
rätische Schrift auf der Reichenau geschrieben wurde, u. zwar 
noch ziemlich spät, da ja das Stück erst nach 817 geschrieben 
sein muss; zugleich auch von Bedeutung für den Nachweis 
der Beständigkeit dieser Formen, weil die Schrift weithin mit 
dem etwa 50 Jahre früher geschriebenen Codex 44 überein- 
stimmt ('). Hinweise auf die spätere Zeit könten in dem häu- 
figen karolingischen a, sowie in der durchweg gebrauchten 
Kürzung nri u. s. w. gesehen werden, während allerdings im 
Martyrologium daneben noch vereinzelt nm zu finden ist. 

Die Erklärung dafür, dass diese Reichenauer Handschrift 
später nach St. Gallen kam, findet Traube in der Persönlich- 
keit Grimalts, eines der Schreiber, der später Abt von St. Gal- 
len wurde. Die Handschrift kann gemeint sein mit einer der 3 
« Regulae sancti Benedicti cum martyrologiis in volumini- 
bus III » im alten Katalog (a. a. O. S. 77, Z. 17). 

Die späteren Stücke, z. B. die Abschrift des Briefes der 
beiden Mönche, dürften von St. Galler Händen geschrieben 
sein, worauf auch z. B. die ganz im St. Galler Stil gehaltene 
Initiale am Anfang hinweisen könnte; sie wären aber auch 
noch der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts zuzuteilen. 

29. Cod. 916, 19 V 2 X 12 V 2 , 172 S., die interpolierte Fas- 
sung der Regula, berühmt geworden durch die althochdeutsche 
Interlinearversion, wozu noch einige andere, kleinere Stücke 
kommen, die ursprünglich einen eigenen Codex gebildet hatten. 
Schriftproben aus der Handschrift sind zu finden für die obere 
Hälfte von S. 9 bei Vogt u. Koch, Geschichte der deutschen 
Literatur, 4. Aufl., 1919, Abbildung 9 auf Seite 34, u. für S. 17, 
51 u. 57 bei Piper, Nachträge zur älteren deutschen Literatur, 
hgg. v. Kürschner, Bd. 162. 

Das Gepräge der Schrift ist im Wesentlichen so überein- 
stimmend mit 914, dass man ohne weiteres an die gleiche 
Schreibschule denken könnte u. die Unterschiede nur in der 
Verschiedenheit der Hände begründet sehen möchte. Der la- 
teinische Text ist von Einer Hand geschrieben, wohl von 



Reichenau geschriebenen Originales sehen könnte, wie ja auch die Briefe der 
beiden Mönche hier nur in Abschrift vorliegen. 

(*) Diese Übereinstimmung dranngt sich wohl mehr auf als die von 
Traube angezogene Ähnlichkeit mit Cod. 348 u. 722. 



44 K. Löffler 

mehreren, aber sehr verwandten die Glossen. Für die letzteren 
hat man aus dem Lautbestand, vielleicht mit etwas zu grosser 
Präzision, auf die Jahre 800-804 geschlossen. Vorher, wenn auch 
möglicherweise unmittelbar vorher, wäre der lateinische Text 
anzusetzen. Aber auch nach dem allgemeinen Schriftcharakter 
wäre die Schrift etwa auf die Zeit um 800 festzulegen; dazu 
mag hingewiesen werden auf die Kürzung nri, nra u.- s. w. 
neben denen aber gelegentlich auch noch nis steht. Die Schrift 
zeigt die üblichen rätischen Formen, wobei wieder zu be- 
obachten ist, dass neben dem cc-a nicht selten auch das karo- 
lingische a erscheint. Bei den Glossenhänden, die, wie es die 
Natur der Sache ist, an sich etwas mehr Kursiv-Gepräge zei- 
gen, überwiegt das kleine Unzial-a durchaus. 

Die Handschrift trägt wieder kein sicheres Beweiszeichen 
für St. Galler Ursprung. Das Pergament ist glatt u. verhältnis- 
mässig weiss, hat aber Löcher u. Lücken; die Kustoden werden 
durch römische Zahlen gebildet. Die Übersetzung wurde von 
einem späteren St. Galler Bibliothekar durch einen Irrtum 
einem Mönch des Klosters mit Namen Kero, der unter Othmar 
gelebt haben soll, zugeschrieben. 

30. Cod. çll, 17 X 14 l / 2 , 324 S, das sog. Keronische Vo- 
cabular, ein Stück, das Philologen u. Historiker schon viel 
beschäftigt hat. 

Die Frage des angelsächsischen Einflusses bei der Ent- 
stehung des Wörterbuchs u. die der bayerischen Heimat des 
um 750 entstandenen Originals braucht uns hier nicht weiter 
aufzuhalten. Wichtiger wäre für uns die Frage der Entstehung 
des Codex in St. Gallen. Im alten Katalog kann er nicht fest- 
gestellt werden, weil dort eben zusammenfassend 8 Bände 
Glossarien aufgeführt sind. Die Einrichtung u. die Kustoden 
mit ihrer eigenartigen, farbigen Verzierung scheinen so sonst 
in St. Gallen nicht üblich gewesen zu sein. 

Aber auch die Schrift fällt aus dem gewohnten Rahmen 
heraus. Steffens, a. a. O. Tafel 33 b, bietet eine Probe der 
Schrift aus dem am Schluss angefügten altdeutschen Vaterun- 
ser, das er von der gleichen Hand wie das Hauptstück, nur we- 
niger sorgfältig, geschrieben sein lässt.Von anderen Seiten giebt 
Hattemer, Denkmahle des Mittelalters, Band 1, Tafel 3 einige 
Wiedergaben. Die Handschrift wird übrigens meist mehreren 
Händen zugeschrieben. Diese stimmen aber ziemlich überein, 



Die Sankt Galler Schreibschule 45 

so dass es auch nur ein Schreiber gewesen sein könnte. Überall 
drängt sich der eckige Grundzug auf, der die Senkrechte be- 
tont, im Gegensatz zu der meist breiten u. runden Art der 
gewöhnlichen rätischen Schrift. Die Ober- u. Unterlängen er- 
scheinen verhältnismässig lang gegenüber der niederen Mit- 
telschicht. Als Besonderheiten einzelner Buchstaben wären her- 
vorzuheben: das a, das nicht der gewöhnlichen cc-P'orm ent- 
spricht, sondern eher dem griechischen a, neben dem aber 
oft das karolingische a sich findet, weiterhin verschiedene 
Formen des z, unter denen besonders eine mit ganz schräg 
liegendem Schaft auffällt, besonders aber das k, dessen Ver- 
wendung schon an sich an angelsächsischen Einfluss denken 
lässt u. das aussieht wie ein h mit ziemlich niederem, flach 
ausgeschwungenem Bogen, an den ein c angesetzt zu sein 
scheint, so dass das Ganze dem insularen Kürzungszeichen für 
autem ähnelt, u. endlich das r mit seinem weit ausholenden 
Schulterstrich, dessen Schaft meist auch ohne Ligatur unter 
die Zeile geht. Manche Ligaturen, wie die von e mit r u. t, 
erinnern an Bekanntes aus der rätischen Schrift. Abkürzungen 
treten sehr zurück. 

Auf alle Fälle stünde die Schrift, die von Steffens aus 
Ende des 8. Jahrhunderts gesetzt wird, in St Gallen ziemlich 
isoliert. 

Der letzten Gruppe seien 2 Handschriften angeschlossen, 
die ebenfalls etwas fremdartiges Gepräge tragen u. die der 
Schrift nach zusammengehören. 

31. Cod. 227, 24 X 14 V 2 , 275 (276) S, in der Hauptsache 
Werke des lsidor. 

Die leicht nach links geneigte Schrift, von der Tafel 7 
(= S. 161) eine Probe bietet, mutet im Grunde wohl rätisch an, 
hat aber andere Art als die seitherigen Handschriften. Zunächst 
fällt wieder ihr niederer, gedrängter (*) u. nicht recht runder 

(*) Dass eng gepresste Schrift, die an sich zwar von dem üblichen 
runden u. breiten Charakter der Hauptmasse der rätischen Handschriften ab- 
weicht u. eher an die westfränkische Minuskel der vorkarolingischen Zeit zu 
erinnern scheint, doch auch, wenngleich nur mehr als Nebenart bei der rä- 
tischen Schrift anzusetzen ist u. in der Ausprägung, wie wir sie z. B. bei 
Cod. 277 haben, sich doch wieder scharf abhebt von Handschriften von 
Corbie oder Luxeuil, zeigt ein Vergleich gerade unseres Codex etwa mit der 
echt « merowingischen » Schrift der Gregordialoge auch einer St. Galler 



4 6 K. Löffler 

Charakter auf, den sie mit dem zuletzt aufgeführten Codex 94 
gemeinsam hat, an den sie überhaupt mehrfach erinnert. Von 
Einzelheiten scheint Manches von den andern rätischen Hand- 
schriften her bekannt, so das t mit dem herabgebogenen Quer- 
balken, dass cc-a, das aber mehr in der Form des griechi- 
schen a erscheint, aber nicht mit dessen Linienführung geschrie- 
ben ist, sondern nur so aussieht, weil der Knopf des ersten c 
im Bogen des zweiten versteckt ist; gelegentliche Majuskeln, 
z. B. F, das Unzial D, angehängtes i, Neigung zu whipshafts. 
Die Ligaturen mit r, bei denen wieder der besonders lange 
Schaft des r auffällt, haben aber etwas andere Formen als 
sonst. Auch das r in nichtligierten Form ist ungewöhnlich, 
insofern es eine gewisse Angleichung an n zeigt, bezw. last 
aussieht wie r in Ligatur mit v. Auf diese eigene Gestalt 
der r, das den Arm heraufklappt, statt ihn am folgenden 
Buchstaben Anschluss suchen zu lassen, hat schon Traube 
(Nomina Sacra, S. 222) aufmerksam gemacht u. weitere Bei- 
spiele in Handschriften aus Einsielden (199 -f- 281) u. Novara 
(LXXXIV) angeführt. Ebenso sind die Ligaturen mit t in 
Epsilon-Form auch in Verbindung mit anderen Buchstaben 
als i fremdartig. Aus dem Gebiet der Kürzungen lässt ma 
für misericordia u. gla für gloria an norditalienischen Ur- 
sprung denken. 

Auch die Ornamentik hat besondere Art ; so gleich vorn 
die Initiale I in Flechtung, die auf Tintengrund ausgespart 
ist'u. aussen noch ein rotes Band hat. 

Das Pergament ist meist dünn, fein u. glatt; doch hat es 
nicht selten Löcher u. ist manchmal stark abgenützt. Die Ku- 
stoden, römische Zahlen, haben einfache Strichverzierungen. 

Die Handscrift ist im alten Katalog nicht sicher nach- 
weisbar. Auf S. 2 sind 2 Namen, Wolfram u. Abo, eingetra- 
gen. Scherrer scheint daran zu denken, in ihnen die Namen 
der Schreiber zu sehen. Der Eintrag, besonders der von Abo, 
stammt aber von anderer Hand als der, die den Text ge- 



Handschrift, Cod. 214 (Proben bei Steffens, Tf. 30 a oder Chroust 17, 4), bei 
der aber allgemein nie an St. Galler Ursprung gedacht wurde, obgleich die 
Handschrift schon im alten Katalog aufgeführt ist, wobei hier auf die Frage, 
ob die Entstehung in Corbie oder mehr im burgundischen Gebiet zu suchen 
wäre, nicht weiter eingegangen werden soll. 



Die Sankt Galler Schreibschale 47 

schrieben hat, u. sieht jünger aus, weshalb auch der Hinweis auf 
den Sanktgaller Mönch Wolfram, der in Urkunden von 760-766 
vorkommt, kaum verwertbar sein dürfte. 

Anhangsweise sei hier angeschlossen der Hinweis auf 
Cod. 242, der in seinem Hauptstück (Probe s. Steffens a. a. 
O. Tafel 49 a) in viel spätere Zeit gehört u. weit ausserhalb 
unseres Zeitrahmens liegt, der aber auf den S. 269/272 ein 
Stück Bibeltext enthält in älterer, rätischer Schrift, die in 
Manchem an Cod. 227 erinnert. 

32. Cod. 108, 27 7 2 X 17 V», 556 S, neben 2 Predigten 
am Anfang u. Ende der Psalmenkommentar des Pseudo-Hie- 
ronymus- 

Die Schrift stimmt durchaus überein mit der von Cod. 227. 
Als Majuskelbuchstaben wären weiter zu nennen das G. Unter 
den Ligaturen sei als Besonderheit erwähnt die Form für et, 
bei der die Zunge des e als Querbalken für das umgestürzte t 
dient. Mohlberg, a. a. O. S. XCI, führt aus, dass die Heimat 
der Schrift nicht südlicher als Verona u. nicht nördlicher als 
Churrätien liegen könne. Nach seiner Meinung möchte die 
Handschrift leicht aus Dissentis sein, da er in ihr ein roma- 
nisches Stück sieht. Dabei weist er auf eine « bemerkenswerte 
Übereinstimmung > der Schrift mit derjenigen in der St. Galler 
Remedius-Urkunde (Wartmann, Urkunden Buch I, 354) hin, 
von der Durrer a. a. O. Tafel III oben ein Schriftprobe giebt, 
die allerdings m. E. eine solche Übereinstimmung nicht auf- 
zeigt. 

Für St. Galler Herkunft lässt sich wieder wenig geltend 
machen. Im alten Katalog ist der Codex nicht mit Sicherheit 
nachzuweisen. In Pergament, Einrichtung u. Ausstattung zeigt 
er keine bestimmten St. Galler Merkmale. Das Pergament ist 
besser u. stärker als sonst im Durchschnitt. Die Kustoden sind 
meist wie in Cod. 227, aber die der 4. Lage haben eine be- 
sondere Verzierung, 4 von den Ecken ausgehende Kleeblätt- 
chen, was sonst aus St. Gallen nicht bekannt ist. Auf « viel- 
leicht rätischen » Ursprung der Handschrift hat schon Traube, 
Nomina Sacra, S. 222 hingewiesen, wo er die Kürzung nsr 
anführt, die an sich Spanien eigentümlich ist ; übrigens ist die 
gewöhnliche Form dieser Abkürzung in der Handschrift, die 
überhaupt nicht viel Abkürzungen hat, nr, nra u. s. w. 

An den Schluss der ganzen Reihe von Handschriften aus 



48 K. Löfflet 

der Klosterbibliothek, in denen die rätische Schrift vertreten 
scheint, seien zwei Stücke gesetzt, die, wie schon die letzt- 
vorangehenden etwas abweichendes Gepräge tragen, aber 
schliesslich doch auch nicht völlig unvereinbar wären mit dem 
Grundzug der rätischen Schrift; zwei Stücke, die aber wahr- 
scheinlich wieder früher anzusetzen wären als die letzte Gruppe. 

33. Cod. 213, 26 % X 17 V § , 180 S., im Hauptstück Gre- 
gors Dialoge. 

Die Handschrift ist auch ein Codex rescriptus, der ur- 
sprünglich in Unziale die Schrift des Lactantius, Divinae insti- 
tutiones, enthielt, u. dürfte ein Beweis für Pergamentnot ihrer 
Heimat sein, weil sie, obgleich nur sehr massiges u. viel ver- 
nähtes Pergament bietend, doch reskribiert wurde. Die Ein- 
richtung, Kustoden von Unzialbuchstaben zwischen Strichver- 
zierung, wären auch sonst in St. Gallen zu finden. Die einfache 
Ausstattung, die viele Anfangsbuchstaben mit Farbe, darunter 
auch Gelb, hervorhebt u. sie teilweise zugleich grösser ge- 
staltet ist zu wenig eigenartig, um eine Handhabe zur Fest- 
legung zu geben. 

Die Schrift hebt sich wieder von der Hauptmasse der rä- 
tischen Codices dadurch ab, dass sie nicht den gewöhnlichen 
breiten Charakter hat, sondern klein u. eng, spitzig u. eckig 
aussieht. Von einzelnen Buchstaben hat das t wohl die übliche 
Form mit dem herabgebogenen Querbalken, auch die cc-a 
Form ist nicht fremdartig, nur dass bei dem ersten c der 
Knopf fehlt, die Ligaturen des überhöhten e treten wie sonst 
auf u. bei r finden sich manche von den bekannten Verbin- 
dungen, aber nicht alle. Der Buchstabe p erscheint nicht selten 
in der Kursivform u. im Vergleich mit den andern rätischen 
Handschriften fällt das häufige Majuskel-N auf. Soweit also 
gewisse Verschiedenheiten zu bemerken sind, könnten sie eher 
auf eine besondere Schreiberpersönlichkeit u. ihre Liebhabe- 
reien weisen, als auf eine andere Schriftart. Übrigens wird 
die Haupthand der Handschrift gelegentlich durch eine andere 
abgelöst, die durch ein eigenartiges t auffällt, das den aus- 
laufenden Bogen des Schaftes mit einem Knopf abschliesst, u. 
die gern die Oberlängen, die nach oben sich erbreitern, mit 
einem Anstrich versieht. 

Von Abkürzungen sei herausgehoben: ec für ecce, was 



Die Sankt Galler Schreibschule 49 

sich besonders in St. Galler Handschriften findet, u. om fur 
omnis u. omnes. 

34. Cod. 189, 282 S., Eucherius. 

Auch diese Handschritt, die schon im alten Katalog auf- 
geführt ist (a. a. O. S. 76, Z. 29), fällt aus dem gewöhnlichen 
rätischen Rahmen heraus. Ihre Schrift ist aber im Gegensatz 
zu der in der letzten sehr breit u. hat verhältnismässig wenig 
Ligaturen u. Kürzungen, so dass sie zunächst etwas an die 
Halbunziale erinnert. Doch sind auch hier die einzelnen Buch- 
staben nicht unvereinbar mit rätischer Schrift. Das t biegt al- 
lerdings seinen Querbalken nicht immer herab, das a gleicht 
eher dem griechischen a als der cc-Form; auch die r-Ligaturen 
kommen zwar in einzelnen Verbindungen vor, treten aber im 
ganzen sehr zurück, während eher die Ligaturen mit ange- 
hängtem i sich vordrängen. Die sehr einfache Ornamentik ist 
dem, was man sonst in der Bodenseegegend findet, nicht we- 
sensfremd. Das Pergament ist ebenfalls sehr massig u. die 
Kustodenbildung ganz ähnlich der in den vorangehenden Hand- 
schriften. 

Die am Schluss von kursiver Hand angefügte Bemerkung : 
Josepuss scripsit, die man gern zur Festlegung benützen 
möchte, führt leider nicht viel weiter. Wohl haben wir im 
St. Gallen Verbrüderungsbuch auf der Seite mit der Liste 
der Wohltäter des Klosters auch den Namen in dieser etwas 
ungewöhnlichen Form, aber von späterer Hand beigefügt u. 
bis jetzt noch von keiner Seite identifiziert. Bemerkenswert 
ist immerhin diese Form gegenüber dem häufigen sonstigen 
Josephus. 

Mit diesen zwei Dutzend Handschriften aus der St. Galler 
Stiftsbibliothek ist wohl das für die Frage nach der boden- 
ständigen vorkarolingischen Schrift des Klosters verfügbare 
Material noch nicht völlig erschöpft, u. vor allem ist noch nicht 
in allen Fällen das letzte Wort darüber gesprochen, welche 
Stücke von diesem Material gerade für St. Galler Ursprung 
gesichert sind. Aber zur Feststellung der Tatsache, dass im 
Kloster während des 8. Jahrhunderts rätische Schrift geschrie- 
ben wurde, dürfte diese Grundlage auch beim jetzigen Stand 
der wissenschaftlichen Forschung genügen. Es lässt sich auf 
diesem Boden wenigstens in den Hauptlinien gerade für diese 
Schrift in St. Gallen der Gang der Entwicklung verfolgen, 



50 K. Löffler 

wonach die junge Buchschrift im Anfang noch deutlich die 
Herkunft aus der Kursive verriet, aber innerhalb eines halben 
Jahrhunderts einen hohen Grad von Schönheit erreichte u. die 
Eignung für Buchzwecke bewies, so dass sie es mit jeder an- 
deren Schrift aufnehmen konnte. 

Besonders reizvoll ist, dass die Entwicklung, die sich in 
St. Galler Handschriften verfolgen lässt, in ihrer Linie noch 
verdeutlicht wird durch entsprechende Stücke aus dem Klo- 
sterarchiv, auf das hier wenigstens noch ein kurzer Seitenblick 
geworfen werden soll. Wir haben gerade aus der Mitte des 
8. Jahrhunderts, aus den 50 er Jahren, eine Reihe von Urkun- 
den, die in ihren Schriftformen einen deutlichen Zusammen- 
hang mit den Handschriften herstellen. Die Kluft, die sonst 
meist Buchschrift u. Urkundenschrift trennt, ist hier in so un- 
gewöhnlichem Masse überbrückt, dass der Herausgeber der 
St. Galler Urkunden gerade aus dem ungewöhnlichen Buch- 
charakter der Schrift von einigen derselben aus jener Zeit 
zunächst schliessen wollte, in ihnen nicht Originalurkunden, 
sondern buchmässige Abschriften sehen zu müssen (s. Wart- 
mann, Urkundenbuch... N. 17). Was bei der rätischen Schrift 
den Fortgang der Entwicklung veranschaulicht, die immer 
weiter geführte Ausmerzung der Kursivelemente, zeigt sich 
in diesen gleichzeitigen Urkunden, wenn sie auch schon ein 
etwas buchschriftartiges Gepräge haben, doch noch auf einer 
Stufe, die der Kursive noch näher steht. So lässt sich schon 
bei dem Urkundenschreiber aus der Mitte des Jahrhunderts, 
Bero (s. z. B. Arndt-Tangl, Tafel 71 a), das Werden der rä- 
tischen Schrift beobachten. Die Hauptformen, die diese Schrift 
kennzeichnen, sind im Keime schon bei ihm zu finden; übri- 
gens sei auf eine Auffälligkeit seiner Schrift hingewiesen, auf- 
sein b mit Querstricht, das sonst als Kennzeichen der Schrift 
von Corbie aufgeführt wird. Auch das Fortschreiten der La- 
tinität ist deutlich zu verfolgen; zeigen die Urkunden aus den 
50 er Jahren noch verwildertes Latein, so hat der Urkun- 
denschreiber der 70er u. 80 er Jahre, Waldo, der sich auf seine 
Kunst des Schreibens schon recht viel zu gut tut, eine ziemlich 
reine Sprache. Und während gegen das Jahr 800 die Buch- 
schrift sich fast von allen Schlacken der Kursive befreit hat, 
weisen die Urkunden des Mauvo in den 90 er Jahren noch 
viel vom alten Kursivcharakter auf. 



Die Sankt Galler Schreibschule 51 

Zum Schluss sei noch ein Wort über Herkunft u. Ver- 
breitung der rätischer Schrift angefügt. Dies ist im Zusam- 
menhang unserer Untersuchung darin begründet, dass diese 
Schrift, die im Kloster St. Gallen für das 8. Jahrhundert sich 
als bodenständig erwiesen hat, dort natürlich nicht als eine 
eigene Schöpfung entstanden ist. Ob der Name « rätisch » 
der Schrift mit Recht als Heimatsmarke beigelegt wird, ist 
bis jetzt noch nicht endgültig festgestellt u. noch weniger all- 
gemein anerkannt. Ebenso ist die Bedeutung, die der Stadt 
Chur für die Entstehung dieser Schriftart zugesprochen worden 
ist, noch sehr umstritten. Ohne in diesen Fragen ein Urteil 
fällen zu wollen, kann doch so viel gesagt werden, dass so- 
wohl der Grundzug der breiten, runden Schrift, als auch man- 
cherlei Einzelheiten nach Italien wiesen, was öfters ausgeführt 
worden ist. Freilich wird der Wunsch, eine schöne Schrift zu 
schaffen, die den Forderungen einer neuen, anspruchsvolleren 
Zeit entspräche, vielleicht eher aus den neuen Kulturbestrebun- 
gen, die in Westfranken ihren Heimatboden hatten, geflossen 
sein. Aber immerhin möchte durch einen Blick auf die rätische 
Schrift die übliche Darstellung, wonach in vorkarolingischer Zeit 
die Entwicklung der Minuskel in Deutschland auf der einen Seite 
nur vom Westfrankenreich (« merowingische » Schrift) u. aut 
der andern Seite von den insularen Formen (irisch-angelsäch- 
sische Schrift) beeinflusst worden wäre, doch wieder etwas 
schwankend, u. dafür die Richtung, die schon Traube gewiesen 
(s. Sitzungsberichte der Bayer Akademie, Phil hist. Kl., 1907, 
S. 72), verstärkt werden. Auch hinsichtlich einzelner Buchstaben 
mag die seitherige Auffassung leicht abzuändern sein. Während 
gerne das kleine Unzial-a als Hauptleitform der karolingischen 
Schrift angesehen wird, scheint hier dieses a von Anfang an, 
zunächst fast bevorzugt, neben dem cc-a zu stehen, wie beson- 
ders die Urkunden in rätischer Schrift andeuten dürften, am 
interessantesten wenn z. B. Vorakt u. Akt verglichen wird, 
z. B. bei der Urkunde von 764 (s. Arndt-Tangl, Tafel 71 b). 
In der Blütezeit dieser Schriftart wiegt dann allerdings das 
cc-a unverkennbar vor, um dann erst von neuem wieder in 
der karolingischen Minuskel verdrängt zu werden. 

In der Frage der Gliederung u. Schichtung der neuen 
Schrift mag gerade der St. Galler Bestand zur Vorsicht mahnen. 
Man könnte leicht verleitet sein, veschiedene Schreibschulen 



52 K. Löffler 

aus einzelnen Merkmalen zusammenzustellen, z. B. je nachdem 
cc oder ic für die a-Form gewählt ist, u. ic etwa als die ältere 
Form anzusehen. Aber die St. Galler Handschriften zeigen, 
dass ein Wechsel zwischen diesen Formen gar nicht so selten 
in ein u. demselben Codex zu finden ist. Ebenso wäre es mit 
einzelnen Ligaturen, die bestimmte Gruppen zu scheiden 
scheinen, z. B. den r-Ligaturen, den Verbindungen mit t in 
Epsilonform, hochgestelltem a, u. A. Diese Dinge gehen viel 
mehr in einander über oder neben einander her, als dass da- 
durch eine Schulscheidung vorgenommeu werden könnte. Wei- 
terhin hat man gerade die kalligraphisch schönste Form, wie 
sie etwa Cod. 348 zeigt, gern als Vorzug der Churer Schreib- 
schule ansehen wollen. Aber das ganz ebenbürtige St. Galler 
Stück in dieser Handschrift macht wieder stutzig, wenngleich 
der mit diesem Stück gelieferte Beweis für das Vorhanden- 
sein dieser Stufe auch im Kloster etwas schmalen Boden hat. 
Es wird sich, wenigstens bei dem jetzigen Stand der Forschung, 
nicht umgehen lassen, bei Zuweisungen zu St. Gallen, Rei- 
chenau oder etwa noch Konstanz, Chur u. A. gerade bei Hand- 
schriften der rätischen Stufe noch recht vorsichtig zu sein. Die 
entsprechenden Bestände für diese Zeit aus der Reichenauer 
Bibliothek sind nach palaeographischen Gesichtspunkten im 
besonderen noch nicht einzeln auf Feststellung einer Eigenart 
untersucht. Aber auch wenn dies einmal der Fall sein wird, 
scheint es sehr fraglich, ob so bestimmte Zuweisungen einzelner 
Handschriften einerseits zu St. Gallen, andererseits zur Reiche- 
nau allein nach den Schriftformen, wie sie gelegentlich schon 
erfolgt sind, auf die Dauer haltbar sein werden. 

Aus den seither behandelten Handschriften lässt sich eine 
Einzelpersönlichkeit, die für die Schrift der St. Galler Schreib- 
schule eine besondere Bedeutung gehabt hätte u. als geschicht- 
liche Gestalt sich einigermassen abheben würde, kaum nach- 
weisen. Besonders ein Mann, der mit ausgesprochenem Form- 
sinn Lehrmeister geworden wäre, wie ein Reginbert auf der 
Reichenau, war St. Gallen nicht beschieden. Aber auch in der 
St. Galler Schreibschule tritt uns schon ein Menschenalter vor 
Reginbert ein Mann entgegen, von dem eine Reihe von Hand- 
schriften u. Urkunden erhalten ist, u. der eine ganz ausge- 
prägte Persönlichkeit war, der Schreiber, der schon oben vor- 
greifend angedeutet worden ist, Winithar. 



Die Sankt Galler Schreibschule 53 

Winithar, schon aus der Namenform (') zu schliessen, ein 
Alamanne, hat nach Ildefons von Arx unter Abt Otmar Profess 
abgelegt, hat also noch die erste Zeit des neuen Benediktiner- 
klosters miterlebt. Einer Wiener Handschrift nach, die von 
ihm stammt u. in der Karl d. Gr. noch genannt wird, muss 
er mindestens bis 768 gelebt haben. Urkunden aus den Jahren 
761-763, in denen er als Schreiber auftritt, bezeugen ihn als 
presbyter bezw. presbyter vel monachus sancti Galloni; in 
einer Urkunde von 766 erscheint er als decanus et monachus. 
In den Anfang der 60 er Jahre weist eine Handschrift von ihm 
(s. u. N. 37), in deren Schlussschrift er sich an Marcus u. Ste- 
phanus wendet u. zwar an den ersteren als den « qui praeest 
nobis > . Dies nimmt darauf Bezug, dass Marcus u. Stephanus, 
wie Ildefons von Arx auf einem in die Handschrift eingelegten 
Zettel bemerkt, nach dem Tod von Bischof Sidonius (760) von 
seinem Nachfolger Johannes, der vorher von Sidonius zum Abt 
von St. Gallen gemacht worden war, als Verwalter des Klo- 
sters eingesetzt wurden, was auch aus einer Urkunde von 761 
hervorgeht, wo neben Wolfram diese beiden als Vertreter des 
Konvents erscheinen. Marcus wird unter denen erwähnt, die 
zur Zeit von Abt Otmar ihr Gelübde abgelegt hatten ; er er- 
scheint auch schon in einer Urkunde von 742 als presbyter. 
Ebenso finden wir Stephanus auf Urkunden aus der Otmarzeit 
u. andererseits noch bis 780 als presbyter. Wenn diese beiden 
Männer, die wohl um 760 schon in höherem Alter standen u. 
im Kloster eine achtunggebietende Stellung einnahmen — 
was bei den heiklen Verhältnissen, unter denen wohl im Klo- 
ster eine bischofsfeindliche u. eine bischofsfreundliche Partei 
anzunehmen war, um so beachtenswerter ist —, Winithar in 
unmittelbarer Anrede beschwört, so dürfte nicht zu viel ge- 
wagt sein mit der Annahme, dass Winithar damals zu den 
bejahrteren Klosterbrüdern gehört haben wird u. zugleich ein 
Mann von Ansehen gewesen sein muss. 

Auf eine besondere Stellung im Kloster wird schon da- 
raus geschlossen werden können, dass Winithar der erste 
St. Galler Mönch ist, von dem wissenschaftliche Tätigkeit nach- 
gewiesen werden kann. Die Früchte dieser Tätigkeit haben 



(*) Der Name ist in der Bodenseegegend für das 8. u. 9. Jahrhundert 
mehrfach nachzuweisen. 



54 K. Löffler 

sich in den Beständen der Bibliothek erhalten als die ältesten 
einem bestimmten Schreiber zuweisbaren Proben der Kloster- 
Schreibschule. Seine Hauptarbeit besteht in einem grossen 
Bibelwerk, das er, z. T. mit Hilfe anderer Mönche, geschrieben, 
u. das die Grundlage der Textgeschichte der Bibel in St. Gallen 
bildert. Es ist uns in 3 grossen Handschriften erhalten, von 
denen die eine die Paulinischen Briefe, die andere die Apostel- 
geschichte u. Offenbarung neben 2 von anderer Hand geschrie- 
benen Büchern des A. T., u. die dritte die sog. katholischen 
Briefe, denen nochmals die Apostelgeschichte beigefügt ist, 
birgt. Weiterhin wirkte Winithar hauptsächlich mit bei einer 
Sammlung von Auszügen aus dem A. T., die besonders inte- 
ressant sind, insofern sie vielfach Italatext bieten. In der diese 
Sammlung enthaltenden Handschrift sind ausserdem Auszüge 
aus Kirchenvätern u. andere theologische Stücke enthalten, 
was darauf hinweist, dass Winithar auch das Grundrüstzeug 
für den Theologen schaffen wollte, wie es die Mönche brauch- 
ten. So ist er an einer Niederschrift des Psalmenkommentars 
beteiligt, u. endlich weist auf solche Bestrebungen auch sein 
grosser Collectaneus, in dem er ausser Bibelteilen besonders 
auch Isidorstücke zusammenträgt. Die Winitharischen Bibel- 
texte sind zugleich insofern beachtenswert, als ihre Vorlagen 
vielfach nach Südfrankreich oder Spanien zu deuten scheinen. 

Die kleinen, von Winithar dann u. wann den von ihm 
abgeschriebenen Texten angefügten, selbständigen Stückchen 
von besonderer Fassung bilden die ältesten erhaltenen Denk- 
mäler eigener schriftstellerischer Tätigkeit der St. Galler 
Mönche. So wird der Sermo Winitharii am Schluss von 
Cod. 70, dort als versus Winitharii bezeichnet, von Ildefons 
von Arx primum opus literarium in S. Gallo genannt. 

Offenkundig tat sich Winitharius auf diese Gelehrtentä- 
tigkeit auch etwas zu Gute, was schon aus dem Schluss seines 
Collectaneus hervorgeht: « Explicit liber quem uuinitharius 
peccator et inmerito ordinatus presbiter scripsit; ex suo pro- 
prio labore deo auxiliante pertecit et non est hie nee unus 
folius quem ille de suo labore non adquisisset aut comparando 
aut mendicando et non est in hoc libro unus apex aut iota 
una quem manus eius non [pinxisset (z. T. durch Vernähung 
verdeckt)] ». Also nicht blos die geistige Arbeit hatte er zu 



Die Sankt Galler Schreibschule 55 

leisten, sondern auch erst die materielle Grundlage für ein 
Scriptorium zu schaffen. 

Wissenschaftliches Leben u. schriftstellerische Tätigkeit 
mag damals im Kloster noch etwas Ungewohntes gewesen 
sein. Hängt damit vielleicht zusammen, dass Winithar in seinen 
Handschriften sich gelegentlich einen andern Namen, gewis- 
sermassen einen Schriftstellernamen zulegt, insofern in Cod. 70, 
der ihn als Schreiber nennt, ursprünglich nicht dieser Namen, 
sondern ein anderer, den S. Berger als Paulinus lesen möchte, 
gestanden hat? Andererseits scheint er im Kloster wegen 
seiner gelehrten Begebungen nicht unangefochten geblieben 
zu sein, wie man ebenfalls aus einer Schlussschrift (bei den 
Paulinischen Briefen) erschliessen könnte : Obsecro fratres al- 
mitatem uestram ut ut nobis aliqua instancia paucorum uer- 
borum meorum Sanctis uestris et doctis sensibus uomitatem 
aut fastidium non ministret ne aliquis uestrum heruditorum 
cum hunc legerit uersiculum statim erumpens in uocem falsa- 
rium me clamans quia ex mea industria hec uerbola uestris 
ausus sum presentare aspectibus(;) testis enim mihi est deus 
cui seruio et cui me deuoui seruire quia ex bono animo hoc 
facio et certus sum enim ut magis ad edificacionem pertinet 
quam ad fastidium aliquem uestrum pertingat... quia non ex 
mea industria sed ex domini imperimento scripsi sicut pro- 
bare potestis utrum a me scripsissem aut ex diuina storia co- 
lixissem. 

Wir haben uns also diesen ältesten mit Namen genannten 
Vertreter des St. Galler Scriptoriums als einen fleissigen, von 
wissenschaftlichen Geist beseelten Mann mit eigenwilligem Kopf 
u. starkem Selbstbewusstsein zu denken, hervorgegangen aus 
einem Stamm, bei dem wissenschaftliche Bildung, Lesen u. 
Schreiben, damals noch in den Kinderschuhen steckte. Eine 
solche Eigenwilligkeit, zugleich eine gewisse Schwerfälligkeit, 
ja Vierschrötigkeit verrät sich ganz offenkundig auch in seiner 
Schrift, die uns in mehreren Handschriften erhalten ist. Es sei 
zunächst auf diese Handschriften in der . mutmasslichen Al- 
tersreihenfolge ein Blick geworfen. 

35. Cod. 907 ', 25 X 17,5, 320 S., neben kleinen Bibelstü- 
cken (aus den katholischen Briefen u. der Apokalypse), die 
durch ihren Text Beachtung verdienen, grössere u. kleinere 



56 K. Löffler 

Stücke philologischen, theologischen u. geschichtlichen Inhalts, 
fast eine Art Notizbuch. 

Die Handschrift zeigt wieder, wie schon oft, dürftiges, viel- 
vernähtes Pergament u., wenigstens in dem grösseren Teil, 
als Kustoden Unzialbuchstaben mit einfacher Verzierung durch 
gleichlaufende Strichlein oben u. unten; sprachlich die be- 
kannten Erscheinungen des schlechten Latein, Verwechslung 
von i 11. e, u u. o u. s. w., endlich eine Ausstattung einfa. 
eher Art. 

Eine zusammenfassende Betrachtung von Winithars Schrift 
folgt dem Überblick über seine Handschriften. Als Besonder- 
heit der Handschrift 907, von der Tafel 8 eine Probe giebt (== 
S. 218), sei hervorgehoben die eigene Form des übergeschrie- 
benen u bei den Silben -us u. -ur, das sonst von Winithar 
gern -in v-Form, hier daneben häufiger in der alten Kursiv- 
gestalt, der Sichelform, gegeben ist, wie es auch z. B. die 
Urkunde von 752 zeigt (s. Arndt-Tangl, Tafel 71a) u. wie es 
sowohl in der fränkischen Reichskanzlei wie in den alten 
Luxueil- u. Corbie-handschriften sich findet (s. Palaeographia 
Lat., I, 57). Auch die immerhin seltene Kürzung nm für no- 
men, die sich bei Winithar sonst nicht mehr findet u. die auch 
in anderen St. Galler Handschriften nicht vorkommt, dürfte 
dafür sprechen, dass wir in diesem Codex den ersten Versuch 
unseres Schreibers zu sehen haben. 

36. Cod. 2, 25 X 17 ! / 2 , 568 S.; zerfällt, wie ausser der 
Schrift schon die Lageneinrichtung, das Pergament u. die Blatt- 
grösse zeigen, in 2 grosse Hauptteile, die bei S. 302 zusam- 
menstossen u. deren zweiter von Winithar geschrieben ist. Die 
beiden, ursprünglich vielleicht selbständigen Teile Luiden dem 
Inhalt nach ein einheitliches Ganzes: 2 Bücher aus dem A. T., 
Numeri u. Deuteronomium, u. 2 aus dem N. T., von W ; inithar 
geschrieben, Actus Apostolorum u. Apoçalypsis, woran von 
S. 489 ab grössere Stücke meist aus den Kirchenvätern an- 
geschlossen sind. 

Übrigens ist, wie schon die Kustoden verraten, besonders 
der 1. Teil unvollständig; die Lagen sind mit römischen Zahlen 
gezählt, die gleich nach dem Anfang grosse Lücken anfweisen. 
Winithars Teil, der viel schlechteres Pergament zeigt, hat Un- 
zialbuchstaben als Kustoden. Beide Arten von Kustoden haben 
die gleiche Verzierung wie Cod. 907. 



Die Sankt Galler Schreibschule 57 

Wie schon der Inhalt zeigt, arbeiten bei der unmittelbaren 
Zusammengehörigkeit einzelner von verschiedenen Händen 
geschriebener Stücke die Hände zusammen. Die Hand oder 
die Hände, die neben der von Winithar vorkommen, zeigen 
die Schrift, die sich in St. Gallen viel findet, die rätische. Auch 
die Austattung dieses Teiles stimmt mit der in entsprechenden 
anderen Stücken völlig überein. 

Über Winithars Schrift selbst in diesem Codex, von der 
Steffens Tafel 33 eine Probe bietet, sei hier nur gesagt, dass 
sie hier sich besonders ungeschlacht u. unregelmässig zeigt, 
aber in allen wesentlichen Punkten mit der Schrift in andern 
Codices übereinstimmt. 

37. Cod. 70, 29X20,5, 238 S., die Paulinischen Briefe, 
dazwischen deutsche Glossen u. ein Stück eines lateinischen 
Vocabulars; am Schluss eine Anrede an die Confratres, wo- 
nach die Handschrift etwa in das Jahr 760 zu setzen ist. Die 
Handschrift zeigt auch wieder sehr massiges Pergament u. die 
Kustodenart, die sich auch sonst bei den Winitharhandschriften 
findet. 

Die Schrift (eine Probe siehe bei Chroust, Liefg 14. 1) 
scheint nach dem allgemeinen Charakter in der Mitte zwischen 
der vorigen Handschrift u. dem Cod. 11 (s. u. N. 39) zu stehen. 
Sie hat noch ziemlich viel Majuskelelemente, z. B. auch N u. 
K auf den ersten Seiten, u. neben dem cc-a nicht selten das 
kleine Unzial-a. Auch noch einige Ligaturen finden sich, die 
später weniger vorkommen, z. B. fi u. tu. Anderseits verrät 
sich mehr Freude an Ausstattung, indem neben der roten 
oder gelben Ausführung grosser Anfangsbuchstaben auch ein 
paar Mal Kopf- oder Brustfiguren (Christus) von freilich sehr 
primitiver Form in die Rundungen von solchen Anfangsbuch- 
staben mit trüben Farben, besonders Gelb u. Rot. eingemalt 
sind; oder werden an den Initialen plumpe Vogelfiguren oder 
kleine Blattansätze angebracht. 

38. Cod. 109, 560 S., Psalmenkommentar des Pseudohie- 
ronymus. Die Lageneinrichtung stimmt mit der in den andern 
Winitharhandschriften überein; die Kustoden werden gebildet 
durch Unzialbuchstaben u. in Fortsetzung davon durch römi- 
sche Zahlen, umgeben von Strichverzierung. Das Pergament 
ist etwas besser als sonst in Winitharhandschriften, besonders 
in der Zubereitung, stimmt aber mit andern von rätischer 



58 K. Löffler 

Schrift überein. Im Codex 109 lösen sich mehrere rätische 
Hände u. die Winithars immer wieder gegenseitig ab, z. T. 
auf ein u. derselben Seite: Winithar erscheint z. B. S. 6, 8-10, 
15 u. s. w., zum letzten Mal S 85. Im ganzen schreibt er nur 
einen verhältnismässig kleinen Teil, aber ist auch beim Haupt- 
stück beteiligt, das in der Hauptsache von Einer Hand stammt. 

Der Codex ist wieder beachtenswert, weil Winithar hier, 
u. zwar nicht an vorderer Stelle stehend, mit verschiedenen 
rätischen Händen zusammenarbeitet, wovon oben (s. N. 10 u. 
Tafel 2) eine Probe gegeben ist für eine der Hände des Haupt- 
teils, in dem Winithar öfters dazwischen erscheint. In den Ab- 
kürzungen scheint eine Beeinflussung durch das Beispiel der 
anderen rätischen Schreiber vorzuliegen, s. que u. -ur, viel- 
leicht auch -us, während andererseits die Winithar eigene Kür- 
zung ones auch bei andern Händen sich findet. Dass der Text 
der Handschrift sich mit einer irischen berührt (s. G. Morin 
in den Anecdota Maredsona, Bd. III, S. II, Praefatio S. XII f), 
ist wohl nicht ohne Bedeutung. 

Der Codex ist wohl einer der beiden Bände, die im alten 
Katalog (a. a. O. S. 73, Z. 14) aufgeführt sind als « Eiusdem 
(Hieronymi) expositio super psalmos, volumina II », mit dem 
Zusatz « inutilia », während die andern Handschriften Winithars 
sich seltsamer Weise dort nicht nachweisen lassen. 

39. Cod. 11, 22 X 13, 536 S., auch von sehr massigem Per- 
gament; wieder mehrere zu einem Band zusammengesetzte 
Handschriftenteile, Exzerpte aus dem A. T. zum Teil in Itala- 
version, nebst einigen Stücken aus der Patristik, also eben- 
falls ein Buch, das für den Gebrauch der Mönche bestimmt 
war. Dass die Handschrift aus verschiedenen Teilen zusam- 
mengesetzt, u. ebenso dass sie nicht vollständig ist, verraten 
auch hier wieder die Kustoden, an denen die gleiche Beobach- 
tung gemacht werden kann wie bei Cod. 2. Wieder arbeitet 
die Hand Winithars, der besonders die Register u. dergl. lie- 
fert, zusammen mit anderen Händen, die rätische Schrift schrei- 
ben, u. von denen eine, S. 55 ff, ganz an eine Hand von Cod. 2 
erinnert, wenn sie nicht mit ihr identisch ist. Dass Winithar 
von Anfang an mit den andern Schreibern zusammenwirkte, 
u. dass die Handschrift nicht etwa nur später so zusammen- 
gesetzt wurde, ergiebt wieder der einheitliche Plan u. die Art, 



Die Sankt Galler Schreibschule 59 

wie auf ein u. derselben Seite oder auf demselben Blatt die 
Hände sich ablösen. 

Die Schrift selbst, soweit sie von Winithar stammt (s. Ta- 
fel 9), erscheint etwas weniger plump als sonst u. zeigt auch 
gleichmässigere Zeilen als Cod. 2. Wäre nicht die unverkenn- 
bar sich aufdringende Übereinstimmung der Züge, so könnte 
man sogar gelegentlich an eine andere Hand denken. Denn 
es zeigen sich in ein paar Einzelheiten Abweichungen von 
dem, was sonst von Winithar bekannt ist, vor allem auf dem 
Gebiet der Kürzungen, bei denen unsere Handschrift im ganzen 
eine besondere Zurückhaltung übt. So findet sich hier die Wi- 
nithar sonst eigene Kürzung für que nicht, weil er das Wort 
ausschreibt oder nach der gewöhnlichen rätischen Art kürzt. 
Auch das übergeschriebene v bei der Endsilbe -ur ist nicht 
zu sehen, dafür tritt die sonst übliche Kürzung durch den 
Apostroph ein. Vielleicht kann man also auch hier wieder 
an eine Beeinflussung durch die andern rätischen Schreiber 
denken. 

40. Cod. 238 0), 29,5 X 21,5, 494 S., der sog. Collecta- 
neus Winithari, eine Sammlung von Exzerpten aus biblischen 
Büchern, Teile u. Auszüge aus Kirchenvätern, besonders Isidor, 
auch eigene kleine theologische Stücke u. am Anfang ein ety- 
mologisches Vocabular; Hauptwerk Winithars schon dem Um- 
fang u. Format nach, gegenüber den anderen Stücken auch 
dadurch ausgezeichnet, dass das Pergament immerhin bessere 
Beschaffenheit zeigt, wenn es auch nicht durchweg gleichwertig 
ist u. doch noch ziemlich bescheiden bleibt, was schon die man- 
cherlei Löcher u. vernähten Stellen andeuten. Anderseits weist 
gleich die Lageneinrichtung mit Kustoden u. ihrer Ausstattung 
auf die Winithar-gruppe, indem mit Unzialkustoden begonnen 
u., als sie aufgebraucht waren, mit römischen Zahlen weiter 
gezählt wurde. Eine Besonderheit u. wohl auch schon eine 
Auszeichnung bedeutet die Zählung der Lagen noch vorn mit 
den Kustoden, teilweise in Rot. Zugleich ist die Ausstattung 

l 1 ) Die Andeutung A. Chrousts, dass vielleicht auch Cod. 225 Winithar 
zuzuschreiben sei, muss auf einem Missverständnis beruhen. Die Aufführung 
von Cod. 251 in der Dissertation von H. Brauer, Die Bücherei von St. Gallen 
u. das Althochdeutsche Schrifttum, 1926, S. 22, als Werk von Winithar ver- 
wechselt unserer Winithar mit einem viel späteren; Brauer hat leider seine 
Untersuchung nicht an den Originalen selbst angestellt. 



60 K. Löffler 

etwas reicher, wann auch ohne bildliche Ausschmückung- wie 
in den schwachen Versuchen von Cod. 70. Meist haben wir 
Initialen in ziemlich ungelenker Flechtung. die in Rot u. Schwarz 
ausgespart ist. Oder sind an die Buchstaben kleine Blättchen 
an Stelle der Ansatz- oder Abschlussstriche angesetzt. Manch- 
mal finden wir auch die Fischform in sehr kunstloser Aus- 
führung. Beim Vocabularium werden die Anfangsbuchstaben 
durch Farbe hervorgehoben, zuerst Rot, dann abwechselnd 
Grün u. Rot, oder werden die einzelnen Vokabeln dadurch 
von einander abgesondert, dass nicht blos der erste, sondern 
auch noch der zweite Buchstabe als Majuskel geschrieben wird. 
Explicit- u. Incipitzeilen, die in Farbe, Rot u. Grün, gegeben 
sein können, werden noch durch einen grünen u. roten Streifen 
herausgehoben. Ja auch in graphischen Darstellungen versucht 
sich Winithar mit verschiedenfarbigen Kreisen u. Segmenten. 
Übrigens wechselt die ganze Ausstattung nicht blos in ihren 
Mitteln, sondern auch in der Sorgfalt der Ausführung. 

Ein wenig gilt letzteres auch für die Schrift, die im übrigen 
in dieser Handschrift am meisten kalligraphisches Gepräge 
gewonnen hat, soweit dies einer Hand wie der Winithars über- 
haupt möglich ist (s. Tafel 10 = S. 181, Schluss eines Stückes 
Genesis, des Proplema von Winithar, u. Anfang Isidors). Die 
Schrift ist meist ziemlich nieder u. zeigt offenbar das Streben 
nach Regelmässigkeit. Auf einzelnen Blättern fällt aber der 
Schreiber in seine frühere Art zurück u. schreibt wieder grös- 
sere, ungeschlachtere Züge, so dass man schon an eine an- 
dere Hand gedacht hat. Aber die Übereinstimmung der Wi- 
nithar eigentümlichen Buchstaben zeugt für ihn. 

Winithars Schrift verrät eine schwere, ungefüge, fast un- 
geschlachte Hand, schon gleich durch ihren ungewöhnlich 
breiten Strich. Winithar hat offenbar gern mit besonders 
breiter Feder geschrieben. An ihn hat wohl J. von Arx ge- 
dacht, als er in seiner Geschichte des Kantons St. Gallen von 
den « Weyherrohren » sprach, mit denen « die groben Schriften 
auf dickem, unsauberem Pergament, das mehr Häuten ähnlich 
ist, geschrieben sind ». Wenn dies auch nicht als unmöglich 
angesehen werden kann, insofern ein Schreibrohr von Italien, 
wo sich der Gebrauch aus dem Altertum länger erhalten hat, 
nach St. Gallen gebracht worden sein konnte — die bei uns 
wachsenden Rohre eignen sich nicht — , so ist es doch viel 



Die Sankt Galler Schreibsthule 61 

wahrscheinlicher, dass Winithar das gleiche Instrument wie 
die andern Schreiber des Scriptoriums, deren Schriftzüge die 
Annahme des Schreibrohrs in St. Gallen nicht mehr nahelegen 
als in andern Schreibstuben auch, gebraucht haben wird, u. 
dass die breiten Buchstaben eben seiner schweren Hand zu- 
zuschreiben sind u. etwa noch einer ausnahmsweise breit 
geschnittenen Feder, wofür er vielleicht eine besondere Lieb- 
haberei hatte. Übrigens sind auch Winithars Züge nicht durch- 
weg gleich breit; er schreibt gelegentlich auch weniger wuch- 
tig, wenngleich selbst dann noch eine gewisse Breite des Strichs 
unverkennbar bleibt 

Neben dem breiten, schwerfälligen Strich, zu dem bei den 
einzelnen Buchstaben mehrfach angesetzt ist u. dem die Run- 
dungen meist wenig gelingen, kennzeichnet die Schrift ein 
deutlich ausgeprägtes Bestreben, eine eigentliche Buchschrift 
zu geben. Dies zeigt sich schon darin, dass der Schreiber un- 
verkennbar die Ligaturen scheut, bezw. ihren Gebrauch nur 
beschränkt bestehen lässt. Gegenüber der Schrift seiner Zeit- 
genossen u. Landsleute hält sich Winithar besonders bei den 
Ligaturen mit e zurück. Wohl hat auch er anfangs noch die 
eine oder andere Verbindung mit dem überhöhten e in der 
Epsilongestalt, die dafür so bequem ist. Aber später ver- 
schwinden diese Fälle immer mehr, u. zur Verbindung wird — 
was ja immer bleibt — nur die Zunge des in Einem Bogen 
gezeichneten u. höher als die andern Buchstaben gegebenen 
e benützt, abgesehen von eigentlichen Ligaturen, die das ganze 
Mittelalter über sich halten, wie et u. dergl. Auch bei den an- 
dern Ligaturen, die gerade zu seiner Zeit als bezeichnende 
Eigentümlichkeit für die Schrift der Gegend so beliebt waren, 
bei den Ligaturen mit r, zeigt er offensichtlich Zurückhaltung. 
Winithar will also durch Einschränkung der Ligaturen von 
der Kursivschrift abrücken u. eine Buchschrift gewinnen. Dies 
zeigt aber auch das Gepräge seiner Buchstaben selbst. Er 
meidet die Kursivformen, die in andern Büchern seiner Zeit 
sich noch so lange halten, bezw. immer wieder einschleichen; 
so hat er nirgends das kursive o oder p, das überhöhte e 
oder c u. ä. Dass er sich bemüht, vom Alten loszukommen, 
ist an seinem Verhalten dem übergeschriebenen u (v) gege- 
nüber zu beobachten. In einer seiner Handschriften findet sich 
die alte Kursivform, die Sichelgestalt. Später meidet aber Wi- 



62 K. Löffler 

nithar diese für eine Buchschrift freilich wenig geeignete Form 
u. schreibt dafür das eckige u (v) über, bis er endlich meist 
auch in der Schlusssilbe -ur den Buchstaben ausschreibt oder 
schliesslich die viel benützte Abkürzung mit dem Apostroph 
anwendet. 

In dem Bestreben, eine eigentliche Buchschrift zu finden, 
u. in den Formen, die seine schwere Hand diesen Buchstaben 
giebt, bekommt die Schrift unbestreitbar in gewisser Hinsicht 
einen Majuskel- Zug. Es ist hier weniger daran gedacht, dass 
er bestimmte Buchstaben überhaupt gelegentlich in der Majus- 
kelform gebraucht, z. B. das G, N, u. S ; dies rindet sich beim 
N noch Jahrhunderte lang oder ist, wie bei G, auch bei an- 
deren Zeitgenossen der Gegend anzutreffen. Aber auch an- 
dere Buchstaben erinnern in ihrer Form, wie sie Winithar fast 
allein eigen ist, an das Majuskelalphabet; man vergleiche z. B. 
seine f, auch sein gern etwas von links herkommendes 1, wo 
der Austrich oben u. besonders der lange Abstrich unten dem 
Buchstaben die Majuskel-art geben. Winithar kennt wohl klar 
den Unterschied des Majuskel- u. Minuskelalphabets, wie 
schon die bewusste Verwendung der beiden Alphabete neben 
einander für Explicitzeilen u. fortlaufenden Text beweisen, 
vergi. Tafel 10. Aber eben diese Tafel zeigt auch wieder, das 
er Majuskel-T u. Minuskel-t in der Form nicht scharf scheidet. 
Er will in den Explicitzeilen offenkundig Majuskeln schreiben, 
giebt aber dem t ganz die gleiche Form wie sonst im fortlau- 
fenden Text u. dies ist unzweifelhaft ein Minuskel-t. Auch bei 
dem a könnte die gleiche Beobachtung gemacht werden; es 
ist mehr das grösser gezeichnete a, das nachher in der ka- 
rolingischen Minuskel endgültig den Sieg über das cc-a davon- 
trägt, u. das Winithar auch im gewöhnlichen Text gelegentlich 
verwendet, allerdings viel seltener als die cc-F'orm, die sich 
in seiner Gegend einbürgerte. Freilich ist dieses sogenannte 
karolingische a selbst auch aus der Majuskel der Unziale 
geholt; aber Winithar zeichnet es in den Explicitzeilen mit 
ihren Maiuskeln weniger als ein altes, grosses Unzial-A, son- 
dern als eine vergrösserte Gestalt des « karolingischen > a. 
Ähnliche Betrachtungen könnte man an das e, das p. das q 
u. a. auschliessen. Dass Winithar weiss, dass die 2 Alphabete 
verschiedene Formen haben, zeigt seine richtige Verwendung 
der entsprechenden Formen; man sehe z. B. B u. R. Er weiss 



Die Sankt Galler Schreibschule 63 

auch, dass dem Majuskelalphabet das Zweiliniensystem zu- 
gehört u. dem andern das Vierliniensystem. Gerade das Letz- 
tere offenbart besonders seine gewöhnliche Textschrift, vor- 
nehmlich in ihren späteren Proben, wo es ihm eher gelungen 
ist, einheitlich abgegrenzte Zeilenbänder zu bilden, während 
allerdings bei seiner früheren Schrift gerade die ungleiche 
Höhe der Mittelbuchstaben ein weniger befriedigendes Bild 
ergiebt. Aber gewollt hat Winithar auch da eine ausgepro- 
chene Minuskel für seine Buchschrift. 

In dieser Minuskel schwanken allerdings einige Buchstaben 
zwischen zwei Formen u. scheinen damit auch wieder ein 
Schwanken zwischen den beiden Alphabeten anzudeuten. So 
hat Winithar sowohl das runde wie das gerade d, also das 
Unzial d wie das Minuskel-d; i bleibt einmal zwischen den Mit- 
tellinien, ein anderes Mal hat es eine Oberlänge; g zeigt die 
Form mit dem runden Kreisbogen oben, soweit ihn eben die 
Hand dieses Schreibers rund fertigbringt, wie den geraden 
Querstrich oben, was an die Halbunziale erinnert. 

Deuten solche allgemeinen Züge auf eine sich abhebende 
Einzelpersönlichkeit, so hat Winithar auch die eine oder an- 
dere Einzelform als Besonderheit, die wie ein Schiboleth seine 
Schrift verrät. Dies ist vor allem sein q, bei dem der Bogen 
oben nicht geschlossen u. mit dem Schaft verbunden ist, son- 
dern nach oben ganz offen bleibt, indem nach einem kleinen, 
spitzen Ansatz ein fast senkrechter Strich nach unten gezogen 
ist, der neben dem langen Schaft steht u. nach ihm nur unten 
eine oft nicht bis zum Schaftstrich selbst gehende u. nicht 
sehr gerade gezogene Verbindungslinie entsendet, so dass 
das Ganze eher aussieht wie ein kurzschaftiges i mit An — 
u. langem Abstrich neben einem nach unten verlängerten 
zweiten i. 

Winithar ist also ein ausgeprägter, ja wohl eigenwilliger 
Kopf, der freilich erst seine Erfahrung u. seine Übung ge- 
winnen muss, wie die immerhin viel gleichmässigeren Schrift- 
bilder einzelner Handschriften zeigen gegenüber unbefriedi- 
genden Leistungen, in denen wir wohl seine ersten Versuche 
sehen müssen. Es war ihm eben erst allmählich gelungen, 
seine Minuskel « zur Ordnung zu rufen », u. wohl waren auch 
Rückfälle nicht ganz vermieden. Im übrigen verschliesst der 
Schreiber sich dem Einfluss seiner Umgebung nicht. Dies kann 



64 K. Löffler 

z. B. daraus geschlossen werden, dass er in der gewöhnlichen 
Textschrift das kleine Unzial-a, das er ursprünglich neben 
dem cc-a, wenn auch nur selten, benützt, nach u. nach dem 
Zug seiner Umgebung folgend ganz aufgiebt. So zeigt 
Winithars Schrift doch sowohl in ihren Grundlinien u. in ihrer 
Entwicklung, als auch in vielen Einzelheiten Übereinstim- 
mung mit der rätischen Schrift seiner Zeit- u. Schreibschulge- 
nossen, u. wir werden es auch bei ihr, wenngleich sie nach 
dem ersten Eindruck ganz unzweifelhaft viel eher etwa an die 
Halbunziale als an die Kursive erinnert, doch nicht von Anfang 
an von der Hand weisen dürfen, dass auch Winithar seinen 
Ausgang von der Minuskelkursive genommen hat. 

Die gleiche Beobachtung ist auf dem Gebiet der Kur- 
zungen zu machen. Winithar gebraucht natürlich auch in seiner 
Buchschrift Kürzungen, wenn er sie auch nicht überwuchern 
lässt. Zur Bezeichnung einer solchen nimmt er für gewöhnlich 
den wagrechten Strich, seltener einen kleinen Schrägstrich 
von oben nach unten. In vielen Kürzungen geht er mit seiner 
Zeit: so kürzt er — um die gewöhnlichen Fälle von -m, -en, 
-er u. dergl. als allgemein gebräuchlich beiseite zu lassen — 
autem mit au, wie ganz überwiegend die St. Galler Hand- 
schriften dieser Zeit; est mit ë, esse mit ee, esset mit eet; 
noster, nostra u. s. w. mit nr, nra, nri, nrm, quod mit qd. 
Auch die Kürzung der Endsilbe -us in mus durch Kreuzung 
des Auslaufstriches von m durch eine S-artige Linie ist gele 
gentlich in andern St. Galler Handschriften zu finden, wenn 
auch seltener als der Apostroph, den aber auch Winithar dann 
u. wann hat. Ebenso mag die, allerdings in St. Gallen seltene 
aber bei Winithar regelmässige Kürzung von con-durch um- 
gekehrtes c aus der insularen Tradition des Klosters geflos- 
sen sein, wenngleich diese bei ihm nicht stark ist, wie andere 
Fälle andeuten. Aber schon mit qnm für quoniam bleibt er 
abseits vom Klosterbrauch, vielleicht beeinflusst von spanischen 
Vorlagen, auf die seine Texte zu weisen scheinen; ebenso mit 
seinem oni, ones, onia, onium für omni u. s. w. Ziemlich al- 
lein in St. Gallen steht er mit seiner Kürzung für que, dem q 
mit dem von schrägem, leicht gewundenem Strich durchquer- 
ten Schaft, der alten kontinentalen Kürzung, die wohl aus 
der Kursive stammt; u. ganz allein mit ihrer Erweiterung 



Die Sankt Galler Schreibschiile 45 

durch den wagrechten Kürzungstricht für quem, die er we- 
nigstens in einigen Handschriften anwendet. 

Winithar geht also in Schrift u. Kürzungen vielfach seine 
eigenen Wege, wenn er auch nicht unberührt bleibt von der 
Strömung seiner Zeit oder von dem Brauch in seinem Kloster 
oder seiner Heimat, was z. B. auch darin sich zeigt, dass bei 
ihm i u. e, u u. o ebenso verwechselt ist, wie in den andern 
Handschriften seiner Zeit. 



Liste von Abkürzungen aus den Nummern 8-40. 

autem : 

au fast durchweg; nur in 44 u bei einer rätischen Hand 
von 109 daneben auch aut, was in 731 allein erscheint, 
u. in 225 neben au auch das insulare h- Zeichen, 
bene: 

b mit Querstrich 44. 
con: 

umgekehrtes c in allen Winitharhandschriften u. in 225. 
ecce^_ 

ec 44, 125, 213. 
eius : 

ei' 40, 916 u. 44, wo daneben auch e\ 
enim: 

das insulare H -Zeichen in 225. 
est, esse:_ 

e u. ee überall, nur in 249 die insulare Kürzung, 
hic u. s. w. : 

hoc = h' 249, 876; haec = lr 876; hubs = hs 225. 
misericordia: 

ma 227; mis 348. 
nomen : 

Sm 907. 
noster, vester u. s. w. 

ni, nam u. s. w. 44, 348, 576. 

nri, u. s. w. 40, 108, 120, 227, 228, 230, 249, 876, u. Wi- 
nithar; beides 125, 185, 350, 914, 916. 



66 K. Löffler 

omnis: 

oms für omnes 126, 567, für omnis u. omnes 213, 227, 348- 
om für omnis 230, für omnes 108, 120, 125, 876, für beides 

40, 44, 125, 185, 225, 722. 
ones, onia u. s. w. Winithar. 
post: 

p' oder p mit Apostroph darüber, 40, 348, 567, 914. 
propter: 

ppt' 40. 
que: 

q: oder q; oder q, für gewöhnlich; 

q mit schrägen Querstrich, die insulare quod- Verkürzung 

44, 228, 911. 
Winithar hat beides, aber vorwiegend a, was er auch zu 
ä für quem erweitert, 
qui: 

q 125, 228, q mit schrägen Querstrich die insulare quod» 
Verkürzung 722, beides 44, q 911. 
quod: 

gewohnlich q ', daneben q mit schrägen Querstrich 249. 
quoniam: 

CRH) 125, 126. 185, 225. 
qm_40, 108, 230, 348. 
qnm Winithar (11, 70, 109). 
alle drei Kürzungen 44. 
vero: 

û 225, û 567. 
Endsilbe -ur durchweg Apostroph, also nie Zwei-zeichen. 

-us Apostroph, z. B. 126, 225, 230; bei -bus: b; 120, 
189, 230, 249,350, 876, 914, 916; bei -mus: m mit 
einer s-artigen Linie durch Abstrich : 108, 228, 
567, 876, 916. 
Schon ein Blick auf diese Liste zeigt, dass die insulare 
Tradition, die in der Formentwicklung der St. Galler Minuskel 
sich kaum ausprägt, in den Kürzungen viel eher nachweis- 
bar ist. 



ENCORE LABRE VATION DE « HAERET > 
par D. De Bruyne. 



Dans le volume précédent de cette collection je notais 
dans plusieurs manuscrits d'un commentaire sur l'Evangile de 
s. Matthieu l'abréviation hët — h(a)eret = iungitur. J'ai trouvé 
la même abrévation de heret fréquemment employée dans un 
commentaire sur le Psautier. 

Le ms. Vat. Pal. 68 est d'origine northumbrienne et date 
du VIII e siècle (Lindsay, Notae latinae, p. 479). 11 est mutilé 
au commencement et commence aujourd'hui au psaume 40. 
Au commencement de chaque psaume le commentateur note 
une pensée du psaume précédent à laquelle celui-ci se rap- 
porte. Cette relation est toujours exprimée par « hët », p. ex. 
p. 41, « Quemadmodum hët tu autem domine miserere mei » 
(== ps. 40, 11). De même il y a ps. 40 beatus hët ps. 39, 14; 
42 hët 41, 11; 43 hët 42, 4 etc. plus de cent fois. Le Prof. 
Lindsay a donné la liste des abréviations de ce manuscrit dans 
Early Irish Minuscule Script, p. 67 et hët = heret riy figure 
pas. Il ne sera pas inutile de prouver mon interpretation : 

1) Habet n'est jamais abrégé hët dans le ms. Pal. mais ht 
(d'après Lindsay, j'avoue n'avoir pas trouvé l'abréviation, j'ai 
vu plusieurs fois le mot écrit en entier, mais je n'ai pas lu 
tout le ms.). 

2) Dans les phrases citées plus haut habet n'aurait aucun 
sens, il faut heret. Les anglo-saxons savaient déjà qu'il faut 
interpréter le texte de la Bible par le contexte. Nihil novi 
sub sole! 

Ces nouveaux exemples permettent de tirer quelques 
conclusions : 

1) Jusqu'à preuve du contraire, nous supposons que le 
commentaire du psautier n'est pas du même auteur que le 
commentaire de l'Evangile. Donc ce dernier n'a pas inventé 
cette abréviation. 



68 De Bruyne 

2) Elle n'est pas une de ces abréviations capricieuses dont 
parle Lindsay, Notae p. 415. 

3) Elle est une abréviation rare, mais en usage dans cer- 
tains milieux insulaires. 

4) Dans une note (Pal. lat. 5, p. 49) Lindsay affirme que 
les copistes se sont trompés, la barre verticale devait couper 
la lettre h. Je ne voudrais pas dire que cette explication est 
fausse, mais elle ne s'appuie sur aucun fait, nulle part on ne 
trouve het avec h coupé; elle fait violence aux faits, dans 
deux ouvrages différents on trouve souvent het. Je préférerais 
une théorie qui s'adapte aux faits et j'expliquerais hët = he(re)t 
comme di(citu)r, di(ce)ns, di(ci)mus, di(cu)nt, fra(tre)s, ho(min)e, 
no(min)a, no(ste)r, nu(mer)i. Ne trouve-t-on jamais ha(be)t ? 



Plate I. 







iLL> r^T- CUA& r*tnr& fccY\Y-TCC'-~rê : ' ^xrsccixg 
xrrr&T rnpSc cfc-nf* im de-rynf&fui 



fè-ue rxcfTT C f tn p 
W fer- utem-ei >j 



cuAccve-yif*- aâmt>Utmbufi aufccn^Äxeofu, 
ÌTemjp unim/ fivciempcrm^ COccgnCc 
elicmi --reef ccrì\ m ce r*u~ trr un ce anfallt Vue 
be-ccrr ceb oir-ry r\cc~r\ urnrcc-rvTiys cuf^vaicc 



fat ccn^^i^î cieie-^cc-nT- UnclfUcimurin 
cupo eccup/î io Uccnrnf ù&\ <%& io evUefi -rfii ce 

pirrtr A(ic«i cerœum &tef ■ âtery^ner**? ur*K 
fX^if » fiorine r*e\irxjuìb rk*njxirjza:rt<ntérn hvrm 
-cjbuf foxCb^ quer+er+e&r) ytp erf*Mxtr> Qcn 
fe^uerrrer^ / ^c\emenriAtn pfcouoaxr ywppé 
mrftp<x& ìtcmf » (J)t&â* rìecorfSempn<GTf unum 



Plate II. 



»f Aft* A»« fa*»«!, h*f^m*l*mÈrt*#*& 



au'citm co* 



ù'tpafQpyccxtt'ry.trtCgrLirr, ?^i défaut ccVLltptu 
iOCf>Uxn<jxc^ru Qf^l^pccy^ccJff*olCy\of*ornnifcu 

focçvmiûà JcJLt^yncdrpof&fûo?*?»» hoc^o 

wen Jr» dccetr)^t»ffrièr\ea ccùnpofcr fJhcïnfii M 
»OCfc-fr» Jit-iuJtC» TiUpnù Uo&fhflfhc^btèTUfn* 

l^ Uc Juo ^cÌ.^f?MC^«rHccfc€t K*U*7Jf ** 

w 



Plate IH. 



'*-■- r ,-"T ■■—;. ' ; 



woCfxxof dZxyors ~y>A)-r fepf"™ l*&* 
cti SCyufm wB* t m ixfqpxxlXf tpx* & 
xflfx-n&rU fed-no f am foAyaflrpv" 

yn ec 3if>t) tuTclerltcimcTtJO cthoc 
{Y-rf bfiiC ï r rriLCj <^xÇc&ttUtxvr\ie~ 
\\ccJ~ m o r~nm &^t0cW*w« -cm *nft * 
tUe^ ^ufcinzcixrtebfeafïnoir-ruii 

(Q uäcr*TWr» cc^. crtoy- -ttiu rH»r> Ci 
fbcUtjClll* fyf>thric>r^exxo<VepUt 

xte-7n^r*tuor/wor &<-<*poftt>LpoC 











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Plate V. 



u mero auinAï dócxrnu qixocArtcpef Sfno 
u%tC fan/' òccy^sX'J^àaucc fumee cedo* 
{eß fe&Acef*r yn-frun/occxXxni«V»ocftcA> 
ccnntf fin gù U f eoa der indt^ione-au>e' 
fuéhrf' uer»t rrccnccfrnm pre&fônJif <3«>r~ 
TCC-frC fùrvee fri nor*a cenno pfeYt/v occu 
Mofê&- numefuf* connoplctn t ui"cj: \npfenlei>rmix- 
&óar>ocrnernenJo xjrCÜtcce-denJrhf^rinf 
s^cupofr"' awnlcc dScwnH iridic^ronif 
ccapfyrncc eon pit <txcrtar tiepurAc/ue- 
nertrr n\ccau\nJLx ' dScimu^KsrrfejryCaucc 
ârceçtef A/noutiâC C&kauin aaoc £T«r 
muUnpUcef. ê£rrcc£orn ciraAofm ^ 
ai&iornTfinKroC quecndo cuci) ccd^wK 
ftuéfahf nuncnumérft qixxrvrudSctrna 
{ltf*f*cc dxObcC f+oemonê rniaVrtfHCxbtf 
ccJdtmfféppnr asnonxctf SCccnmofaiu 
fc\ r-iT*- Innern CT, Ç^tnoff&utf quotfifc* 
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Plate VI. 




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^ axteem P$t»o ccemur $cp«le>p.S> 
cfVncef..<nt>t «tie plcccAmomf olrÇ* 
^Stwar Uirecr deucaxe net mifertm* 

ÄTltiimime fuppUci^itnptonccTidreV 
uccwcf cebommb. p#cccc<x*f çLervttttf 
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miuJtciot.fiti-r «dtöttamclaÄ^f^^ 
mu ft%f VnucL rit -r<jc«* WiffcLoT {^rudufxcltuicurf ? 
ttitiV'Xtol^CÄUX'xar^'of pusm*«za?uvxuMri€*cf k UawJt 
tivr na** f£*c fZuvAAe-ru fTafërmb a.LuYìc|ieTicucTùce 
Sy^«fuei(^l>;|iiclu*xurpirmptfrrn ^ign^co**«'"! 

ce cl Vu!*d*C tór>uViCpi\Ti di \ cxcct^^còlAì'C <2rVr<^cio 
-nâfg/ioCuT WW>#ArTtb, £rht\,avr C&ia-tfairffciT 

&e^VWz**^tvf<mw tierce ccUocu^ffaui? ubiiùnfdu 

i n , i • i r % 

\>%-tuO «/artv^ei-ruYnpöirKiar WitnftifSrf? uUipotZföno 
i^t^Cuoicli-iiuîrciU^t^KrtJtjeccugeTiin' uliicc*niOô 

i^ôtiêN t. w Ano *\«o ©up i<r oA 7 Ifi^pulcW f&ccC 




Fiate Vili. 




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Plate IX. 



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{Vacm ctctr ui CTU ce l4?€Nàoe 

-** ccocci,n o-r*>o«i**r»«'fiÄ' , rri ce 

Loi» ri o-^n ixpcerf few-ftxb 1 

f»i-m oc &-pi* lche/fccri iyrvvf 

co ift« ^rs** A ceni A Aece 

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au oo îwn k&jeZ-n oc b ceLirfQ' 

c&i«rôfn coc*r-meU*Ä*i€nia- 
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